Zitat des Tages: Donnerstag, 16. Juni 2011, “Bloggen sollte nur, wer eine Meinung hat.”
Donnerstag, 16. Juni 2011 21:30
Andreas Cichowitz, seit vielen Jahren Fernseh-Chefredakteur des NDR, hat dem Medium Magazin, einer Fachzeitschrift für Journalisten, ein ausführliches, fünf Seiten langes Interview gegeben, indem er über den öffentlich-rechtlichen Kernauftrag spricht und sich auch eingehender zur Organisationsstruktur der ARD äußert. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt ist die Rolle des Internet und die Herausforderung für die klassischen Medien und deren Journalisten. Leider ist das Interview nicht online zu lesen, von daher zitiere ich einige Kernaussagen an dieser Stelle wörtlich aus dem Interview. Kurz zum Hintergrund: Das Medium Magazin blickt auf eine lange Tradition zurück und wird unter Journalisten häufig gelesen. Was dort also an Aussagen gemacht wird, verbreitet sich durchaus in der Medienwelt. Vielleicht dem einen oder anderen bekannt ist die Zeitschrift, weil sie seit Jahren den Preis Journalist des Jahres vergibt.
Im Gespräch mit der Chefredakteurin des Magazins, Annette Milz, kommt Cichowitz sehr bald auf die Veränderungen der Medienwelt durch die Expansion von Online-Medien zu sprechen:
Nutzen Sie selbst Facebook und Twitter?
Nein. Wenn ich Reporter wäre, würde ich mir einen Account zulegen. Ich halte nichts von einer Diktatur der Transparenz. Es gibt nicht so viel, dass ich twittern wollte, das für den Rest der Welt interessant wäre. Und ein eigenes Blog zu pflegen bedarf viel Zeit. Mich beunruhigt aber die generelle Entwicklung.Inwiefern?
Für junge Leute wird immer wichtiger, wie über Facebook und Twitter Themen oder Ereignisse im Freundes- und Bekanntenkreis kommentiert werden. Und wer sich daran gewöhnt, in kurzen Botschaften zu denken, dessen Aufmerksamkeitsniveau ist relativ niedrig. Diese Entwicklung gefährdet das Muster der klassischen Information – da, wo wir stark sind. Wir werden uns diesem Trend nicht entziehen können. Nachrichtenbeiträge, Schnitte werden immer kürzer. Und wir kommen nicht drum herum, stärker im Internet präsent zu sein.Sollen Ihre Reporter künftig verstärkt bloggen?
Bloggen soll nur, wer eine Meinung hat.Sie haben also nicht so viele Leute, die eine Meinung haben?
Wenn man was zu sagen hat, ist es gut. Auch in besonderen Situationen, wie der Katastrophe in Japan. Aber ansonsten könnten wir damit in der Regel keine Duftmarken setzen. Bloggen dient der Markenbildung für herausgehobene Reporter. Bei uns zählt aber die Breite und Teamarbeit.
Und wenn man sich diese Aussagen anschaut und sie liest, sehe ich mich mal wieder bestätigt, warum ich bei den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland und insbesondere der ARD nicht warm werde. Wenn ein leitender Chefredakteur ein solch pessimistische Sicht auf Instrumente und Inhalte des Web 2.0 hat und der Eindruck erweckt wird, dass man im Netz nur präsent ist, weil man es irgendwie schaffen muss um auch die jüngeren Menschen anzusprechen, zeigt das, warum ich seit Jahren zum Beispiel bei der BBC – wo auch nicht alles Gold ist was glänzt – eine Entwicklung sehe und verfolge, die ich mir auch in Deutschland wünsche. Nämlich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur ihr Programm machen, sondern die Zuschauer “mitnehmen”, in ihre Arbeit einbinden, Interaktivität ausstrahlen, Input für Inhalte einholen, Meinungen und Ansichten erfragen. Wenn man sieht, wie jämmerlich mittlerweile die Homepage der Sportschau verkümmert und dazu parallel bei BBC Sport vorbeischaut, sieht man, dass in diesem Fall die ARD nicht wirklich Interesse hat, im Netz mit seinen Zuschauern zu interagieren. Und da passt der Satz, dass Bloggen nur gestattet sein soll, wenn man auch eine Meinung hat, so perfekt in dieses Bild. Warum kann ein Sportredakteur oder ein politischer Landeskorrespondent nicht ein Blog eröffnen, zum Beispiel auch um mit Zuschauern über Beiträge diskutieren, Feedback zu holen, Einblicke in seine Arbeit geben.
Blickt man auf die Homepage der Sportschau, ist nicht ein interaktives Element zu sehen. Schaut man bei BBC Sport vorbei, fällt auf, dass es zu den derzeitigen beiden großen Sportevents in dieser Woche, den US Open im Golf und eher Insel-spezifisch die Testserie im Cricket, gleich eine Verlinkung zu einem Podcast, Twitterstream und zum Beispiel auf das Golf-Blog der BBC gibt, wo eine kompetent verfasste Vorschau zum Turnier ist. Nicht meinungsstark, sondern informativ. Einblicke geben, Analysen liefern. Das geht vor allem nur, wenn man bereit ist Kritik und negatives Feedback zu erfahren. Und das geht aber vor allem auch, wenn man nicht jeden Tag bloggt, sondern ereignissspezifisch seine Stärken ausspielt. Und das heißt, solche Inhalte auch prominent in Szene zu setzen. Sie gehören zu heutigen medialen Berichterstattung dazu, viele, nicht nur ich, erwarten sie. Da führt die ARD ein durchaus lesenswertes Blog zur Frauen-WM, dessen Verlinkung ich dann auf irgendeiner Sonderseite, die wiederum Unterseite ist, ganz unten verlinkt finde. Will man das Blog verstecken?
Stärken der ARD muss es doch auch sein, das Lokale in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen. Das Bedürfnis Nachrichten aus der direkten Umgebung zu erfahren, ist immer noch am höchsten. Was vor meiner Haustür passiert, interessiert mich mehr als Ereignisse, die 500 Kilometer entfernt passieren. Blickt man auf die Nachrichtenseite des NDR für Niedersachsen, findet man immerhin den freundlichen Verweis, man sei auch auf Facebook. Ansonsten null Interaktivität mit dem Zuschauer. Gegenbeispiel wieder die BBC, die ihre Regionalseiten vor einigen Wochen nochmal aufgefrischt hat. Für die Stadt Birmingham, immerhin eine Metropole auf der Insel, bloggt zum Beispiel der politische Chefkorrespondent Patrick Burns über die regionale Politik und die Auswirkungen der nationalen Politik für die Stadt Birmingham. So stelle ich mir Information und relevante politische Einschätzung vor.
Das Tagesschau-Blog ist mittlerweile verkommen zu einer Fundstelle für Einträge verbunden mit der Frage, was die ARD denn mache, wenn man selbst über sich berichten müsse/dürfe/könne/sollte. Getretener Quark wird breit nicht stark. Scheinbar hat die ARD immer noch Angst über sich selbst zu berichten, wenn es eng wird. Bei der BBC ist das mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dass man damit gezwungermaßen umzugehen hat.
Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die ARD irgendwann nochmal erkennt, wie Zuschauereinbindung und Zuschauerinformation im Netz aussieht. Momentan macht es wieder den Eindruck, als habe man die Befürchtung, dass keiner derlei Aktivitäten finden solle. Die Aussagen von Cichowitz bestätigen mich da nur.
Thema: Social Media, TV und Radio | Kommentare (1) | Autor: medispolis

