Das System Arsenal ist wie ein Patient, der ein wenig kränkelt, nicht so wirklich schlimm, dass es bedrohlich ist. Aber eben doch so schlimm, dass es jederzeit einen Rückfall geben könnte. Und der behandelnde Arzt lindert mit seiner Medizin nur hin und wieder die Symptome, ohne wirklich nachhaltig die Ursachen der Krankheit zu bekämpfen.
0:1 bei Norwich City verloren, bei dem Team, das zuvor an der Carrow Road fünf Treffer von Liverpool schlucken musste und beim FC Chelsea vier Gegentore kassierte. Das Team, welches vor dem Spiel gegen die Gunners noch keinen Saisonsieg verbuchte. Eine Leistung vom FC Arsenal, die über 90 Minuten fast schon frech war. Offensiv harmlos, defensiv anfällig. Die Gunners liegen nach acht Spieltagen mit 12 Punkten auf Platz neun in der Tabelle, zehn Zähler hinter Tabellenführer Chelsea. Einer der schlechtesten Saisonstarts für Arsenal in der Premier League Geschichte. Arsene Wenger hatte vor dem Spiel in Norwich gesagt, dass solche Partien gewonnen werden müssten, um ernsthaft in Sachen Meisterschaft mitreden zu können. Nach dieser Leistung am Samstag brauchen wir vorerst nicht weiter über Titel und Meisterschaften sprechen.
Der letzte Satz könnte eigentlich ein Baustein sein, den Fans und Journalisten regelmäßig im Laufe einer Saison wieder herausholen können. Noch steht in besagter Aussage das kleine Wörtchen vorerst. Momentan sprechen viele Entwicklungen aber dafür, dass auch dieses Wörtchen spätestens im Februar gestrichen werden kann. Die Unterschiede sind deutlicher denn je am gestrigen Spieltag offenbar geworden. Man City gewinnt in letzter Minute bei West Bromwich, Chelsea und United setzen sich in ihren Spielen zwar ein wenig mühevoll, aber erfolgreich durch. Arsenal hatte vom Papier her die leichteste Aufgabe – und versagte kollektiv. Große Hoffnungen bei Arsenal in dieser Saison, einige wirklich sehr ansprechende Leistungen bisher in der Premier League – und trotzdem hängt nach dem 0:1 in Norwich der Haussegen schief rund um das Emirates Stadium. Zeit für einen kleinen Rückblick auf die bisherige Saison und eine Analyse zur aktuellen Lage bei den Gunners. Mittwoch geht es in der Champions League gegen Schalke. Auch wenn sich Titelträume derzeit verbieten, ist es genauso unangebracht, jetzt den Teufel an die Wand zu malen. Vorausgesetzt, Arsenal zeigt am Mittwoch eine Reaktion und unterlässt solche Leistungen wie in Norwich und Wenger kümmert sich endlich um die Defizite im Spielsystem. Momentan sind es nur sechs Punkte Rückstand in der Tabelle auf Manchester United bei noch 30 Saisonspielen. Alles in Frage zu stellen wäre fahrlässig – vorerst.
Vielleicht ist das aber eben auch in der Leistung von Arsenal am Samstag in Norwich begründet. Nach der Niederlage und schlechten Leistung im Heimspiel gegen Chelsea Ende September gewann Arsenal bei West Ham mit 3:1 und zeigte, dass die erste Saisonniederlage nur ein Ausrutscher gegen einen sehr guten Gegner war. Mit den Partien in Norwich und kommenden Samstag gegen die Queens Park Rangers sollte Anschluss an die Tabellenspitze gehalten werden. Wenger gab dieses Ziel aus. Sechs Punkte müssen es sein. Und dafür war die Leistung in Norwich erschreckend. Bei großzügiger Rechnung waren es vielleicht drei brauchbare Torchancen. Norwich hatte zwei Gelegenheiten, von denen sie eine nach Fehler von Mannone zur Führung und zum Sieg nutzten. Arsenal ergötzte sich am eigenen Ballbesitz, ohne durch Druck, Kreativität, schnelles und direktes Spiel für Gefahr zu sorgen. Ich habe noch nie so viele Rückpässe auf Mannone gesehen wie am Samstag. Die Leistung von allen auf dem Feld war enttäuschend. Einzelkritik bringt wenig. Arsenal hat im Vergleich zu Man Utd, Man City oder auch Chelsea und Tottenham nicht die großen Individualisten im Team. Die Mannschaft als Kollektiv war in einigen Spielen der Saison bisher so stark und erfolgreich. Das ist Grund zur Freude und Sorge zugleich für Arsene Wenger. Er hat in dieser Saison schon häufiger gesehen, dass sein Team wunderbar Fußball spielen kann. Wenn es aber nicht so rund läuft – was immer mal passieren kann und wird – hat sein Team nicht den Spieler oder die beiden Akteure, die das Team aufrütteln und mit Einzelaktionen für Tore sorgen können. In den letzten Jahren war das Aufgabe von Robin van Persie, Theo Walcott oder auch Cesc Fabregas. Einige haben den Verein verlassen, Walcott fehlte Samstag verletzt. Sämtliche Neuzugänge blieben blass. Wenger kann schon mal bezüglich Transfers im Januar bei Ivan Gazidis vorsprechen. Es muss sich etwas tun.
Wenn Trainer Wenger und auch das Umfeld des FC Arsenal in den letzten Wochen vom Potential des Teams gesprochen haben und in die Öffentlichkeit trugen, wie hungrig, engagiert und motiviert die Spieler nach Erfolgen seien, wurde sich immer wieder auf einige gute Saisonleistungen konzentriert. Die Unentschieden zum Auftakt gegen Sunderland und bei Stoke wurden zurecht schnell vergessen, weil das Team offensichtlich ein wenig Zeit brauchte zum einspielen. Das 2:0 bei Liverpool, das 6:1 gegen Southampton und auch das 1:1 bei Manchester City waren insgesamt großartige Leistungen, spielerisch, kämpferisch und vom Fokus der gesamten Mannschaft. Das 1:2 gegen Chelsea wurde eben schnell unter einmalig schlechter Leistung abgehakt. Nach dem 3:1 bei West Ham war die Euphorie wieder groß, nur um vom Spiel in Norwich so richtig an die Wand gefahren zu werden. Am Samstag platzte dann eine Blase. Offensichtlich ist das Team der Saison 2012/2013 noch nicht so weit, wie Wenger es immer verkündete und es sich in einigen Spielen zeigte. Die katastrophale zweite Hälfte gegen Chelsea und die 90 Minuten in Norwich geben Anlass zur Sorge. Es ist scheinbar keiner auf dem Platz, der Impulse setzen kann, um die Mannschaft aus ihrer Lethargie zu befreien. Arsene Wenger sagte nach dem Spiel in Interviews, dass sein Team die Aufgabe vielleicht ein wenig unterschätzt habe und nicht konzentriert genug auf dem Platz war. Es wäre so schön, wenn diese eigentlich schlimme Begründung einen großen Kern Wahrheit enthielte, weil sie sich dann eigentlich nicht wiederholen dürfte. Aber meiner Meinung nach ist dies nur eine kleine Seite der Medaille. Gestern und auch in den vergangenen Spielen wurden spielerische Defizite deutlich, die Arsenal schnell lösen muss.
Nur zur Erinnerung darf nicht vergessen werden, dass immer noch einige wichtige Spieler verletzt fehlen. Im Tor ist es Szczesny, der noch zwei Wochen vom Comeback entfernt ist. Auf der rechten Abwehrseite ist Barcary Sagna fast wieder fit, Samstag fehlte links Kieran Gibbs. Im defensiven Mittelfeld fehlen mit Abou Diaby und Jack Wilshere vielleicht die beiden wichtigsten Puzzleteile für die Hoffnung, dass es mit Arsenal doch noch aufwärts gehen kann in den nächsten Wochen. Arsenal spielt derzeit also nicht mit der besten Elf. Das ist keine Ausrede, aber Feststellung. Carl Jenkinson hat positive Akzente auf der rechten Seite gezeigt, ist offensiv aber im Vergleich zu Sagna viel zu hastig. Da kommt fast keine Flanke vernünftig an. Ähnliches gilt für Kieran Gibbs, der seine Stärken eindeutig in der Defensive hat. Sein Ersatz André Santos ist offensiver ausgelegt, kann aber auch nicht vernünftig flanken. Als zentralen Stürmer hat Arsenal nun Olivier Giroud, der Flanken und Zuspiele von den Außenbahnen benötigt, der eher schlecht flach durch die Mitte angespielt werden kann. Blöd nur, wenn keiner für verwertbare Flanken sorgen kann. Dann wirkt Giroud wie ein Fremdkörper im gegnerischen Strafraum und bekommt auf Twitter und in vielen Fanforen schnell viel Kritik ab. Nur, was soll Giroud machen, wenn er einfach auf verlorenem Posten steht? Der Franzose ist nicht der Spielertyp wie Robin van Persie, der sich auch mal zurückfallen lässt und mit Schwung in den Strafraum zieht. Die Offensive scheint bei Arsenal bald eine größere Baustelle zu werden als die Verteidigung. Das Spiel der Gunners krankt eben an der mangelnden Kreativität und Flexibilität über die Außenbahnen. Also läuft fast jeder Angriff durch die Mitte. Das ist für Teams wie Norwich viel einfacher zu verteidigen. Und für Arsenal viel schwieriger zu spielen, wenn Zuspiele nicht ankommen, sich nicht viel bewegt wird und es viel zu lange dauert, bis der Ball mal schnell gespielt wird. Am Ende dieser Perlenkette steht dann der Rückpass auf Mannone. Es war zum wahsinnig werden am Samstag vor dem TV. Dieser Umstand ist eine Entwicklung, die in Ansätzen auch schon häufiger in den Spielen gegen Chelsea und West Ham zu sehen war. In Norwich bekam sie eine neue Dimension. Die mangelnde Flexibilität in der Offensive ist die eine größere Baustelle, die andere ist – wie oben schon mal angerissen – das Fehlen von Spielern, die das Spiel an sich reißen wollen und das Team nach vorne bringen.
Santi Cazorla ist eine echte Verstärkung für Arsenal, ein toller Fußballer, beidfüßig, wunderbare Übersicht. Nur ist der Spanier häufig völlig auf sich alleine gestellt. Mikel Arteta hat von Arsene Wenger eine neue Rolle zugesprochen bekommen, die defensive Stabilität heißt. Arteta gibt den klassischen Sechser, soll defensiv absichern. Das macht Arteta auch wunderbar, nur gehen damit seine ebenso guten Impulse für die Offensive häufig verloren. Erinnert sich noch jemand an das Siegtor von Arteta letzte Saison gegen Manchester City? So energisch habe ich den Spanier diese Saison noch nicht zum Tor ziehen sehen. Neben Arteta spielt Aaron Ramsey, der durch die vielen Einsätze ein wenig überspielt scheint. Der Waliser braucht dringend mal eine Pause, ist in einem Formtief und läuft der Musik häufig hinterher. Ich kann schon verstehen, warum das Comeback von Wilshere ein paar Tage vorgezogen wurde. Ramsey braucht Ersatz und Konkurrenz auf der Position. Die derzeitigen Defizite im defensiven Zentrum bei Arsenal setzen sich dann auf den Außenbahnen im offensiven Mittelfeld fort. Vorne steht weiter Giroud und wartet auf Zuspiele, die ihm auch Podolski und Gervinho nicht wirklich geben können. Podolski nehme ich von meiner Kritik ein wenig aus, weil er mit Ausnahme vom Spiel in Norwich wirklich sehr gute Ansätze gezeigt hat. Und wenn er in der richtigen Position ist, kann der ehemalige Kölner wunderbare Flanken schlagen, siehe das Zuspiel auf Giroud zum 1:1 bei West Ham. Gervinho kann das nicht. Es ist mir ein Rätsel, warum Gervinho noch Spielzeit bekommt. Ja, der Ivorer hat hin und wieder seine partiellen Glanzlichter, wie beim 1:1 gegen Chelsea oder im Spiel gegen Southampton. Aber ansonsten verliert er viele Zuspiele, läuft sich fest, hat selten den Blick für seinen Mitspieler und bringt erschreckend schlechte Zuspiele in den Strafraum, wenn er sich an drei Abwehrspielern nicht gerade wieder festgedribbelt hat. Und vorne wartet weiter Giroud…
Das ganze System bei Arsenal wirkt immer häufiger wie ein Bremsklotz. Alle stehen sich selbst im Weg. Das war auch häufiger gegen West Ham so, wurde aber von der guten kämpferischen Leistung und dem Ergebnis überstrahlt. Das fehlte Samstag in Norwich. Und als Einwechselung konnte eben nicht Theo Walcott neue Impulse geben. Es klingt fast schon paradox, aber Walcott ist eine der positiven Erscheinungen in dieser Saison bisher. Derzeit hat er aber keinen Stammplatz. Ein Weggang des Flügelflitzers im Januar scheint immer wahrscheinlicher. Es wäre eines dieser fatalen Zeichen, dass Wenger eigentlich nicht mehr gebrauchen kann. Diese Farce kann nur noch durch die Verpflichtung neuer Spieler kompensiert werden. Auf dem Transfermarkt muss sich etwas tun, vor allem für die Offensive und den Sturm. Verschiedene Spieler scheinen, schenkt man den vielen Gerüchten einen Funken Relevanz, auf dem Radar von Wenger zu sein. Geld scheint reichlich zur Verfügung zu stehen. Angeblich sind die Gunners an einer Verpflichtung von Adrian Lopez, Stürmer von Atletico Madrid, interessiert. Heißestes Gerücht scheint Fernando Llorente zu sein. Ich rechne fest damit, dass Arsenal alles versucht, um den Spanier von Bilbao nach London zu holen. Ähnliches könnte für Leandro Damiao, Stürmer von Porto Alegre, der in 123 Spielen 74 Tore erzielte, gelten. Wenger muss also einiges an Geld in die Hand nehmen – und nicht nur deshalb ist das Spiel am Mittwoch in der Champions League gegen den FC Schalke 04 so imminent wichtig. Wenn es schon in der Liga nicht ganz so wunderbar aussieht, muss vorerst wenigstens in der Champions League gepunktet werden. Das Erreichen des Achtelfinals ist derzeit zwar nicht gefährdet, trotzdem darf sich der Schlendrian von Samstag nicht wiederholen. Schalke ist sehr gut in Form, offensiv variabel und stark. Das wird eine echte Herausforderung für die wackelige Defensive der Gunners. Ich sehe derzeit mit dem Schock der Niederlage in Norwich sogar Königsblau leicht favorisiert ins Spiel gehen. Arsenal muss aufpassen, nicht in eine kleine Negativspirale zu gelangen. Zwischen den beiden Spielen gegen Schalke in der Champions League stehen Partien gegen QPR und bei Manchester United an. Einfach ist anders. Von den zwei Spielen gegen Schalke sollte eines schon gewonnen werden. Unter Berücksichtigung der Heimstärke von Schalke steht Mittwoch also einiges auf dem Spiel, viel mehr, als Wenger eigentlich gehofft hatte. Aber jetzt muss auch noch Wiedergutmachung geleistet werden. Da ist die Champions League nicht unbedingt die attraktivste Bühne für.
Noch – und die Betonung liegt auf noch – werden die beiden schlechten Saisonleistungen in der Liga bisher als seltene Ausrutscher abgehakt. Dabei darf aber eben nicht, wie ich weiter oben gezeigt habe, übersehen werden, dass das gesamte Spiel von Arsenal an vielen Stellen und Positionen erheblich krankt. Das fällt gegen Gegner wie West Ham, Southampton oder Piräus nicht unbedingt auf. Gegen Mannschaften wie Chelsea oder Schalke aber schon. Und wenn dann neben den offensichtlichen spielerischen Defiziten, die ja auch keiner abstreitet – die Mannschaft ist qualitativ nicht ganz auf dem Niveau der letzten Spielzeiten anzusiedeln -, auch noch Lustlosigkeit, fehlendes Engagement und Unkonzentriertheiten hinzukommen, kann auch nicht gegen Norwich gewonnen werden. Und dann wird es langsam kritisch. Wenger wirkte ratlos nach der Niederlage gegen die Canaries, intern weiß er aber hoffentlich, die offensichtlichen Probleme zu adressieren. Aber auch die Fans sind ratlos und wütend (siehe zum Beispiel Germangunners oder Arseblog), weil keiner mit so einer Leistung und einem Rückschritt gegen Norwich gerechnet hat.
Das Vertrauen in Wenger und die gesamte Mannschaft ist aufgrund der fehlenden Titel und Erfolge in den letzten Jahren sehr brüchig geworden. Wird gewonnen, sind alle zufrieden und verfallen gelegentlich in eine kleine Euphoriesträne. Aber bei dem kleinsten Hauch von Negativerlebnis sind die Kritiker und negative Stimmen ganz schnell aus dem Häuschen. Häufig zu unrecht, wie ich finde. Seit gestern bin ich aber auch am Grübeln. Die Mannschaft hat sich in eine ganz missliche Lage gebracht. Und was mich derzeit am meisten nervt, ist die scheinbar positive Stimmung bei Arsene Wenger, der zumindest in der Außenwahrnehmung die Spiele in Norwich und gegen Chelsea immer noch mit psychologischen Erklärungsansätzen oder der Länderspielpause auseinandernimm – ohne das Eingeständnis, dass das Team an vielen Stellen nicht richtig aufgestellt ist. Und das hat Wenger zu verantworten. Das fängt bei der Isolation von Giroud an, für die er selbst eigentlich gar nichts kann. Und das endet bei Gervinho und Ramsey, die seit Wochen weit von ihrer Bestform entfernt sind, aber trotzdem regelmäßig 90 Minuten durchspielen dürfen. Das System Arsenal ist wie ein Patient, der ein wenig kränkelt, nicht so wirklich schlimm, dass es bedrohlich ist, aber eben so schlimm, dass es einen Rückfall geben könnte. Und der behandelne Arzt lindert mit seiner Medizin nur hin und wieder die Symptome, ohne die Ursachen wirklich zu bekämpfen.
Und was nun, Herr Wenger? Noch habe ich keine wirklich gute Antwort auf die Formschwankungen und Leistungsdefizite der letzten Wochen gelesen. Aber vielleicht bekommen die Fans diese am Mittwoch auf dem Platz zu sehen. Mal sehen, wie lange Wenger noch den Ratlosen in der Öffentlichkeit gibt. Viel Zeit und Kredit scheint er und das Team bei den Fans nicht mehr zu haben. Arsene knows – until now.