Barack Obama ist ein brillianter Redner, in der vergangenen Nacht wieder einmal gezeigt, als er über die Waffengewalt in den USA sprach. In seiner Rede an die Nation verbindet er das Schicksal ganz persönlicher Menschen und Begegnungen, die er gemacht hat, mit der Forderung, per Gesetz strengere Waffenkontrollen zu beschließen. Dieses Stilmittel muss man nicht gut finden, aber ich fand es passend und großartig eingesetzt. Der vielleicht stärkste Moment der gestrigen Rede. Nicht umsonst mussten die Leute Tränen verdrücken.
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Die Grenzen des Online-Wahlkampfes in Deutschland sind erreicht – vorerst
Die Hoffnungen waren so groß. Inspiriert von der Online-Kampagne Barack Obamas im Herbst 2008 hatten sich viele Wahlkampfstrategen auch in Deutschland viele positive Impulse für den Internet-Wahlkampf in Deutschland gewünscht und erwartet. Sie wurden bitter enttäuscht. Der Wahlkampf im September 2009 war bedingt durch die politische Auslangslage nach vier Jahren Große Koalition und damit wenig Polarisierung zwischen CDU-Merkel und SPD-Steinmeier sowieso an Langeweile nicht zu überbieten. Im Web herrschten dieselben Bedingungen. Es gehört eben doch mehr dazu, als nur die Kommunikationsplattformen von Obama, Twitter, Facebook und Netzwerke für Unterstützer, zu übernehmen. Online-Wahlkampf muss ebenfalls eine Strategie kennzeichnen und inhaltlich, konzeptionell wie personell mit den Botschaften der Offline-Kampagne verbunden werden. Der Spitzenkandidat sollte zumindest ein gewisses Interesse und ein wenig Hingabe für den neuen Kommunikationsweg zeigen – ansonsten sind die Effekte noch geringer als sonst schon. Obama hatte bei seinem Wahlkampf 2008 Social Media überwiegend gar nicht zur direkten Kommunikation und Interaktion genutzt, sondern vielmehr zur Information, Organisation und Koordinierung seiner Unterstützer. Obamas Online-Kampagne war vielleicht so gut wie noch nie zuvor mit seiner politischen Programmatik in der Offline-Welt verknüpft. Mit Twitter, Facebook und MySpace hat Obama die Wahl 2008 nicht gewonnen.
Bei der Bundestagswahl 2009 war der Online-Wahlkampf also langweilig, unspektakulär, wenig überraschend und wie so häufig nur eine temporäre Randerscheinung. Pünktlich mit Ende des Wahlkampfs wurden von den Parteien und Politikern alle Aktivitäten wieder eingestellt. So können sich nicht wirklich langfristige, für den Wähler im Netz nutzbare und vertraute Strukturen und Abläufe aufbauen. Acht Monate vor der Bundestagswahl werden jetzt nach und nach die ersten Vorbereitungen in den Parteien getroffen. Es wird wieder alles hochgefahren, um im Oktober voraussichtlich wieder abgeschaltet zu werden. Bisher war es immer so.
Was können wir vom Online-Wahlkampf 2013 erwarten?
Meiner Meinung nach: nicht viel mehr als 2009. Es wird eine Konsolidierung der schon bestehenden Instrumente und Plattformen geben, vielleicht mit der ein oder anderen innovativen Komponente. Wie gerne würde ich Online Townhall Meetings sehen. Aber da wäre ich schon sehr überrascht. Online-Wahlkampf dürfte bei der Wahl 2013 also auch weiterhin ein Nischendasein pflegen. Das liegt natürlich auch daran, dass mit Angela-Merkel und Peer Steinbrück die Hauptkontrahenten des Wahlkampfs nun nicht die große Affinität für die Online-Welt ausstrahlen. Angela Merkel wird im Wahlkampf nicht twittern, @peersteinbrueck besitzt zwar einen eigenen Twitter-Account, der aber, wenn überhaupt, überwiegend von seinem Wahlkampfteam inhaltlich gefüllt wird. So wie das Projekt gestartet wurde, ist es bereits jetzt zum Scheitern verurteilt. Die PR-Berater Axel Wallrabenstein und Adrian Rosenthal haben in der Novemberausgabe der politik&kommunikation auch eine entsprechend pessimistische Prognose für den Online-Wahlkampf gegeben. Social Media sorge zwar für Waffengleichheit, es werde aber nur “eine leichte Professionalisierung” erwarte, Social Media würden 2013 aber nicht wahlentscheidend sein: “Hierzulande fehlt die Bereitschaft, sich auf den kommunikativen Aspekt der sozialen Medien einzulassen und sie unbefangen zu nutzen”, so Wallrabenstein. Rosenthal ergänzt: “Eine Strategie, wie man über diese Plattformen Wähler mobilisiert oder Anhänger bindet, fehlt allerdings bis dato weitgehend.” Es wird 2013 also weiterhin auf Facebook, Twitter und vielleicht YouTube hinauslaufen. Ob es die politischen Akteure und Parteien dann endlich schaffen, von der Top-Down-Kommunikation Abschied zu nehmen und wirklich interagieren und diskutieren mit den Usern im Netz, bleibt abzuwarten. Nur dann überhaupt würde ich die Aktivitäten im Netz noch als sinnvoll bezeichnen.
In der politikwissenschaftlichen Wahlkampfforschung gibt es die durchaus beliebte These der Amerikanisierung, nicht nur von Wahlkämpfen, sondern auch im Bereich der politischen Kommunikation und Politikvermittlung insgesamt, aber vor allem in Wahlkämpfen. Die These drückt aus, dass zentrale Elemente, Strukturen, Inhalte und Instrumente aus amerikanischen Wahlkämpfen mit Verzögerung nach Europa, also auch Deutschland, kommen und Anwendung durch die Kommunikationsstrategen bei Bundestagswahlen finden. 2008 machte Obama Twitter und Facebook vermeintlich salonfähig, prompt wurde 2009 versucht, sie im deutschen Wahlkampf einzusetzen. Die These fand zu Beginn der 2000er Jahre großen Anklang, mittlerweile wird eher weniger von Amerikanisierung, sondern vielmehr von einer Modernisierung gesprochen. Amerikanische Wahlkämpfe lassen sich also nicht eins zu eins auf das politische System Deutschlands anwenden, sondern es werden nur einzelne, hier funktionierende Elemente adaptiert.
Beim Blick auf Obamas Online-Wahlkampf 2012 lassen sich offentsichtliche Neuerungen gar nicht so einfach feststellen. Die großen Fortschritte gab es nicht bei den Kommunikationsplattformen. Facebook, Twitter und die Website von Obama standen wiederum im Mittelpunkt, mit einem deutlichen Fokus der Information auf Twitter und der Homepage, und dem Gedanken der Vernetzung der Unterstützer auf Facebook. Die eigentlich große Neuerung in Obamas Internet Campaigning war Big Data (für den Hintergrund zur Thematik sei der großartige Schwerpunkt in der ZEIT empfohlen), also das Sammeln von teils personenbezogenen Daten, um mit diesen Informationen den Wahlkampf noch besser zu planen, zu organisieren und möglichst viele Stimmen zu generieren und Wähler zu überzeugen, gerade in umkämpften Wahlbezirken. Das Wahlkampfteam von Obama hat riesige Datenbanken angelegt. Alle Daten, die potentielle Wähler unter anderem durch Spenden (Obama hatte eine eigene Spenden-App) oder das Installieren der Obama Facebook-App hinterlassen haben, wurden durch Datenanalyse aufbereitet und Statistik nutzbar gemacht. Ergebnisse und Daten von Hausbesuchen, Telefongesprächen, gelesenen E-Mails und das Klicken auf Links bei Facebook flossen ebenfalls in die Datenmaschine ein. Mit all diesen Daten konnte das Wahlkampfteam von Obama Wahlergebnisse nahezu genau prognostizieren und bis auf die Ebene von Straßenzügen ermitteln, wo Wähler noch potentiell an die Wahlurne gebracht werden müssten, um bestimmte Wahlbezirke zu gewinnen. Jede Nacht wurden 66.000 Simulationen projeziert, wer die entscheidenen Swing States gewinnen würde, nur auf der Basis von Daten, die sich durch den Wählerkontakt ergaben. Gesammelt haben diese Daten und Fakten über 32.000 Freiwillige, die von Tür zu Tür gegangen sind, um für Obama zu werben.
Ein paar Zahlen und Hintergründe, die den Stellenwert der Datenanalyse in Obamas Wahlkampfteam verdeutlichen (ausführlich nachzulesen in der Präsentation Inside The Cave): Mehr als 50 Datenanalysten, etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten im Chicago Headquarter, haben Daten von Millionen von amerikanischen Wählern, darunter 16 Millionen E-Mail-Adressen, aufbereitet und ausgewertet. Es gab 1,2 Millionen aktive User der Obama Facebook App, mit der das Wahlkampfteam auch auf Daten von Freunden dieser Nutzer zugreifen konnte. Eine Zahl ist besonders spannend. Etwa 98 Prozent der Amerikaner auf Facebook waren Freunde mit irgendjemandem, der die Seite von Barack Obama geliked hat. So konnte eine umfangreiche Vernetzung stattfinden. Michael Moorstedt schreibt deshalb in der Süddeutschen Zeitung völlig zu Recht vom “Wähler als vermarktbaren Produkt“. “Es geht jetzt nicht mehr um die Einbindung der Wähler, sondern vor allem darum, ihre Daten für politische Zwecke zu nutzen und individuelle Profile zu erstellen”, so Moorstedt. Das gelingt aber eben nur, wenn Online-Anhänger von Obama als meinungsstarke und engagierte Multiplikatoren auftreten. Das hat Obama mit seinem Charisma, mit seiner Person und seiner Programmatik geschafft. Bei den Demokraten ist nun eine kontroverse Diskussion ausgebrochen, wie die Daten auch über den Wahlkampf hinaus genutzt werden können (siehe Politico). Kommunikation und Interaktion im Online-Wahlkampf sind also nur noch wünschenswerte Begleiterscheinungen. Es fällt mir schwer, ein solches Multiplikatoren-Szenario für Angela Merkel, Peer Steinbrück oder Rainer Brüderle zu entwerfen.
Das ist aber nur ein zu vernachlässigender Grund, warum die Neuerung des Online-Wahlkampfs von Obama 2012 in Deutschland keine Anwendung finden wird. Deutschland hat einen sehr viel strengeren Datenschutz als die USA. Es würde bei uns definitiv zu einem großen Aufschrei kommen, sollte bekannt werden, wenn Parteien Daten von Wählern sammeln und auch im Alltag hinterlassene Daten, zum Beispiel auf Payback-Cards, nutzen wollen. Aber das wird sowieso nicht passieren. Zum einen werden deutsche Politiker keine so große Datenmenge über Social Media generieren, dass sie hilfreich und wahlentscheidend sein könnte. Die technische Umsetzung kostet ebenso wie die Beschäftigung von Statistikern viel Geld, das die Parteien sicherlich nicht ausgeben werden. Die Online-Innovation von Obama 2012 wird an Deutschland also vorbeirauschen.
Online-Wahlkampf in Deutschland 2013 wird also wie 2009 ein weiterer Informationsverbreitungs- und Kommunikationsweg sein, mehr aber auch nicht. Das mag für viele langweilig und eindimensional klingen. Online-Wahlkampf hat in Deutschland noch nicht den Stellenwert, dass dadurch viele Menschen aktiviert und mobilisiert werden können. Dafür spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle. Zum einen die politischen Akteure selbst: Bisher wurden Twitter und Facebook nur als Abladestation für die Informationen aus der Offline-Welt gesehen. Langfristige Strukturen zum Vertrauensaufbau haben sich dank der Konzentration des Engagements auf Wahlkampfzeiten nicht aufgebaut. Meiner Meinung nach sind Politiker und Parteien im Netz nicht mutig und kreativ genug. Es fehlt praktisch jeglicher Anreiz, sich via Social Media mit den Akteuren zu beschäftigen und mit ihnen zu interagieren. Es ist keineswegs einfach, eine zielgruppenspezifische Ansprache für die Menschen im Netz zu finden. Bislang gelingt das, so ist mein subjektiver Eindruck, nur bedingt. Es wirkt häufig so, dass Politiker ihre Sprache aus Ausschüssen und internen Beratungen, diese häufig bekannten Politikerphrasen, auch in 140 Zeichen oder eine Statusmeldung quetschen. Mobilisierung und Aktivierung gelingt damit nicht. Wirkliche Transparenz, Einblicke in den Politikeralltag, beispielsweise durch Bilder und Videos, kombiniert mit einer lockeren, zwanglosen Ansprache wird häufig nur selten vorgefunden.
Neben diesen Herausforderungen auf Seiten der politischen Akteure sollte ebenso erwähnt werden, dass politische Aktivitäten im Netz für den Großteil der Bevölkerung in Deutschland schlicht nicht relevant sind. Im Netz werden keine Wahlen gewonnen. Nur eine sehr kleine überschaubare Gruppe informiert sich im Netz über Politik, häufig als digital natives bezeichnet (dazu die ausführliche Stellungnahme von Professor Vowe, Kommunikationswissenschaftler an der HHU Düsseldorf, in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft”). Diese kleine Gruppe zeichnet sich durch ähnliche demografische Merkmale aus, ist eher höhergebildet mit einem überdurchschnittlich hohen politischen Interesse und politischer Beteiligung häufig auch in der Offline-Welt. Die große Hoffnung und Erwartung, dass mit der Kommunikationstruktur des Internet auch eher politikfremde Menschen für Politik begeistert werden können, hat sich nicht bestätigt. Aus Sicht der Politik muss also festgestellt werden, dass im Netz häufig nur die Menschen angesprochen werden, die wahrscheinlich sowieso ihre Stimme abgeben. Lohnt sich dann noch umfangreicher Online-Wahlkampf oder hat Peer Steinbrück Recht, wenn er behauptet, ihm sei der persönliche Hausbesuch viel wichtiger? Einige neuere Studien aus der Kommunikationswissenschaft weisen nach, dass Umfang und Anzahl von Online-Aktivitäten nahezu keinen positiven Effekt auf das Wahlergebnis von Direktkandidaten haben (Frank Marcinkowski/ Julia Metag in Publizistik 1/2013). Bei allem Wunsch nach umfangreichen Online-Campaigning in Deutschland – den Wunsch habe ich übrigens auch – sollten diese strukturellen Faktoren stets berücksichtigt werden.
Die Grenze des Online-Wahlkampfs ist in Deutschland also erstmal erreicht, wenn die Anzahl der Verbreitungswege, Kommunikationsplattformen und Instrumente betrachtet wird. Big Data wird im Online-Wahlkampf keine Chance haben. Nun wäre es also an der Zeit, inhaltlich und qualitativ besseren Online-Wahlkampf zu machen. Das heißt: Verknüpfung mit der Offline-Kampagne, zum Beispiel umfangreiche Begleitung von Steinbrücks Hausbesuchen im Netz. Zielgruppenspezifische Ansprache verbessern, sich auf Qualität statt Quantität zu konzentrieren. Man muss nicht überall präsent sein, wenn dann aber richtig, dauerhaft und kontinuierlich über den Wahlkampf hinaus. Wenn das realisiert werden könnte, ist ein Schritt nach vorne gemacht worden. Momentan habe ich noch Zweifel, ob das gelingen kann. Es ist immer noch ein schmaler Grat, möglichst auch persönliche Einblicke zu geben und dabei nicht Nonsens oder wenig Relevantes zu offenbaren, vor allem, wenn die traditionellen Medien quasi nur auf Fehler oder Peinlichkeiten warten.
Noch sehe ich Hoffnung für einen qualitativen Sprung nach vorne im deutschen Online-Wahlkampf. Schauen wir mal, wie es zur Bundestagswahl 2013 sich entwickelt und ob das “vorerst” aus dem Beitrag des Blogeintrags gestrichen werden kann. Sollte es bei der Wahl 2013 keine Neuerungen und Verbesserungen im Vergleich zu 2009 geben, zweifele ich sehr, ob Online-Campaigning in Deutschland noch mal salonfähig gemacht werden kann.
Disclaimer: Nur als Info, für diejenigen, die es nicht wissen, mache ich es transparent. Professor Vowe ist mein ehemaliger Chef an der Universität Düsseldorf, Frank Marcinkowski und Julia Metag Chef bzw. Kollegin jetzt in Münster. Das hat aber keinen Grund, warum ich darauf hingewiesen habe. Es passte inhaltlich und in beiden Bereichen sind das die relevanten und aktuellen Studien.
Zitat des Tages: Donnerstag, 17. Januar 2013 – Obama speaking to history
The fact that Obama has given so few truly great Presidential speeches didn’t turn out to be politically fatal, but it’s not irrelevant. It’s made him more vulnerable, put him more on the defensive than he should have been. He’s never given himself a phrase or sentence to wield in the crunch, conveying an idea that’s simple and yet profound enough to embed itself in the public’s mind, and that truly defines his political vision. Obama is too complex, too nuanced, too elusive, and too careful, for words that stick.
George Packer/The New Yorker: Can Obama Speak to History in his Second Inaugural?
Großartige Analyse im New Yorker über Reden der US-Präsidenten bei ihrer Amtseinführung und warum Obama es so schwierig haben wird, eine große, historische Rede zu halten.
Lesetipp: Obamas Online-Wahlkampf
Barack Obama hat 2008 neue Maßstäbe beim Online-Wahlkampf gesetzt. Seitdem orientieren sich viele Politiker an seinen Ideen, Instrumenten und Techniken – und haben den Stellenwert der Online-Kampagne von Obama nie wirklich kopieren können. Das hat viele Gründe, die vor allem im politisch-instutitionellen Bereich liegen. Sie sind aber auch darin begründet, dass Obamas Online-Wahlkampf in erster Linie von der Aktivität und Begeisterung seiner Anhänger lebte, Stichwort Graswurzelbewegung. Bei den US-Wahlen 2012 hat Obama diesen Bereich nochmal ausgebaut, weil er final der wichtigste ist. Selbst in den USA wählt keiner einen Präsidenten aufgrund seiner Tweets oder Facebook-Posts. Wenn die Offline-Kampagne, ihre Thematik und Programmatik, perfekt in die Online-Netzwerke integriert wird, nur dann funktioniert der Wahlkampf im Internet.
Das zeigt der auf fast 100 Seiten umfassende Report der Agentur engage, die einen sehr detaillierten, aber kompakten Überblick über den Obama-Wahlkampf im Netz gibt. Keine Angst: Es sind nicht 100 Seiten Schrift, sondern eher wie eine PowerPoint-Präsentation aufgebaut.
Link zum Download: Inside the Cave – An In-Depth Look at the Digital, Technology, and Analytics Operations of Obama for America
Zitat des Tages: Mittwoch, 5. Dezember 2012 – Obamas database
Now that Obama has been reelected, other Democrats are falling over themselves to get their hands on these sophisticated indicators for their own campaigns. Several top Obama campaign officials, who asked not to be quoted by name, said that no decisions have been made about the data, including where to house it and how to use it to benefit the party.
Politico.com: Democrats to Obamaland: Share your data
Sehr umfangreiche und lesenswerte Darstellung und Analyse von Lois Romano bei Politico.com über die Datenbank, die Obamas Wahlkampfteam durch die vielen Spenden etc. erhalten. Da hat sich ein großer Pool an interessanten Daten ergeben, die politisch sehr wertvoll sind. Bei den Demokraten wird jetzt kontrovers diskutiert, wie und ob überhaupt die Daten weitere Verwendung finden sollen, angesichts wichtiger Wahlen in den nächsten Jahren.
Gelesen: Klaus Scherer – “Wahnsinn Amerika. Innenansichten einer Weltmacht”
“Gemeinsinn, nicht Spaltung und Konfrontation kennzeichnet Obamas Rede. Und das war er schleißlich ‘Amerikas Versprechen’ nennt [...] ‘Es ist der amerikanische Geist, der uns weitertreibt, der uns zusammenhält, der uns nicht nur sehen lässt, was sichtbar ist, sondern auch, wie es besser sein könnte. Dieser Geist ist unser größtes Erbe.’ Zugegeben, kurz ertappe ich mich danach mit dem Gedanken, dass jener Geist da doch schon mal mit besseren Staubsaugern beginnen könne. Doch tatsächlich hoffen an diesem Abend Millionen Amerikaner nicht nur, dass Obama ihr Präsident wird, sondern auch, dass er die politische Kultur in Washington verändern wird.”
Klaus Scherer schildert seine Eindrücke von Obamas Rede nach Nominierung durch die Demokraten in Denver im August 2008 (S. 66f.)
Dank der Pendelei zwischen Düsseldorf und Münster und der anstehenden US-Wahl Anfang November habe ich mir zuletzt vermehrt Literatur gekauft, die sich mit der politischen Lage in den USA auseinandersetzt. Positiv überrascht war ich von Klaus Scherers Buch “Wahnsinn Amerika. Innenansichten einer Weltmacht” (Piper Verlag). Scherer war von 2007 bis Anfang 2012 USA-Korrespondent für die ARD in Washington, also im Zentrum der politischen Macht der USA.
Auf knapp 300 Seiten fasst Scherer seine Eindrücke aus den fünf Jahren in den USA zusammen, vom Vorwahlkampf der Demokraten zwischen Hillary Clinton und Barack Obama im Jahr 2007 bis zu den startenden Vorbereitungen für den derzeitigen Wahlkampf. Warum das Buch so lesenswert ist: Scherer verbindet die vielen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit Bürgern, Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern zu einer Zustandsbeschreibung des politischen Amerikas. Er zeigt wunderbar eine Entwicklung auf, die seit 2007 das Land politisch und gesellschaftlich tief gespalten hat. Und wie lässt sich das besser als durch persönliche Gespräche und Erfahrungen bei Menschen vor Ort erfahren. Das Buch ist also eine Kombination aus der Schilderung des (politischen) Alltags in den USA und einer Analyse der politischen Probleme und Herausforderungen des Landes im 21. Jahrhundert.
Tiefe Kenner der USA-Politik werden über die Diagnosen, die Scherer stellt, nicht überrascht sein. Gleich zu Beginn des Buches kommt der Autor auf den Niedergang der politischen Kultur in den USA zu sprechen. Das tolle an dem Buch ist aber, dass Scherer diese Feststellung auf den weiteren Seiten mit Leben füllt, zum Beispiel wenn er Aktivisten der Tea-Party begleitet, die Stimmung gegen eine umfassende staatliche Krankenversicherung machen oder wenn demokratische Abgeordnete aus dem Parlament in Indianapolis vor ihren republikanischen Kollegen flüchten, weil die Demokraten als Minderheit im Parlament nichts mehr ausrichten konnten (und die Republikaner jede Versuche auf einen Konsens bei der Begrenzung der Macht von Gewerkschaften von vorneherein abweisen). Lobend zu erwähnen sind auch die vielen Gespräche mit dem ganz normalen amerikanischen Bürger, sei es dem Grenzkontrolleur an der Grenze zu Mexiko, den Jägern in South Dakota oder den Fischern vor der Küste Maines. Sie alle steuern Puzzleteile bei, um zu verstehen, wie die USA mit ihren Werten und Ansichten ticken. Da wird man hin und wieder gravierende Unterschiede zu uns Europäern erkennen – aber eben trotz aller Polarisierung viele Gemeinsamkeiten. Denn letzlich wollen alle nur glücklich und zufrieden leben. Ob der Polizist aus Pennsylvania, der als erster beim Absturz des Flugzeugs am 11. September 2001 war, oder der Häuptling Lockiger Bär in den Rocky Mountains.
Das ist in den letzten Jahren in den USA für viele schwieriger denn je geworden. Deshalb liegt der Fokus des Buches natürlich auch auf den wichtigen politischen Ereignissen und Entwicklungen der letzten Jahre. Die Nominierungen von Obama und John McCain, Obamas Wahlsieg, seine Amtseinführung und der Wunsch vieler Amerikaner nach Wechsel und einem Aufbruch im Land, das Ringen um die Gesundheitsreform, der Kampf der USA gegen die hohe Verschuldung und natürlich die schrecklichen Katastrophen durch Hurricanes und der Explosion der Bohrinsel im Golf von Mexiko. Scherer hat durch seine Korrespondentätigkeit fast mit allen wichtigen Personen des politischen Systems in den USA sprechen können, viele Eindrücke und Sätze davon fließen in die Beschreibung der politischen Lage der USA ein. Aber auch mit weniger bekannten Gesichtern im Machtapparat Washington hat sich Scherer getroffen, zum Beispiel Stephen Marks, der für die Republikaner die Kampagnen fürs Negative Campaigning entwarf.
Einziger kleiner Kritikpunkt an den Ausführungen von Klaus Scherer: Ich hätte mir an einigen Stellen einen noch tieferen Einblick gewünscht in die Probleme oder einzige Politikfelder. Das kann Scherer umfassend natürlich nicht leisten. Vielleicht hätte die ein oder andere Begegnung einfach nicht Erwähnung finden sollen. Aber das ist wenn überhaupt ein Abzug in der B-Note, ebenso einige zeitliche Sprünge, die gewissen Themenkomplexen geschuldet sind. Wer allerdings nun eine tiefgreifende, hoch wissenschaftliche Analyse erwartet, sollte sich das Buch lieber nicht kaufen. Es ist eine Kombination aus Reisebericht und politischer Analyse eines Journalisten wohlgemerkt. Aber das macht dieses Buch, wie ich finde, so lebenswert. Es sind Erfahrungen aus erster Hand, die in den vielen Berichten im TV eben nie zu sehen sind.
In erster Linie ist es, das sagt Scherer im Vorwort selbst, ein Rückblick auf seine Zeit in Washington von 2007 bis Anfang 2012. Aber es ist mehr. Es ist eine Reise durch die politischen und gesellschaftlichen USA. Kenntnisreich, pointiert mit viel Liebe für Details. Wer wissen will, wo die USA politisch 2012 stehen und wie Obamas Amtszeit das Land und Obama verändert hat, findet viele bekannte, aber auch neue Antworten. Klaus Scherer stellt zu Beginn seines Buches die Frage, ob die USA am Ende sind. Die Antwort, die Scherer final wählt, will ich hier nicht vorwegnehmen. Er zitiert zwar den US-Präsidenten, der nach seiner Tagesform gefragt, mit “On top of the game” antwortet. Aber nach 300 Seiten bleiben einige Frage offen. Auch die nach dem Schicksal der USA. Die kann Scherer auch nicht final beantworten, wenngleich er eine fundierte Tendenz formuliert. Die Antwort müssen die Amerikaner zunächst selbst Anfang November geben.
“Man muss Washington verlassen, um Amerika besser zu verstehen”, sagt Scherer. Und man sollte dieses Buch lesen, um Amerika besser zu verstehen.
Klaus Scherer: “Wahnsinn Amerika: Innenansichten einer Weltmacht” ist im Piper-Verlag erschienen. 18,99 €.
Zitat des Tages: Donnerstag, 31. Mai 2012 – Barack Obama calls Mitt Romney
THE POTUS: That’s very amusing, Mitt. It’s good to have a sense of humor. Maybe you should show it more often—no, don’t do that, it might help you in the polls. Anyway, I hear what you say. Next time I call you a cold-hearted vulture capitalist who has the blood of tens of thousands of patriotic, God-fearing American workers on his hands, please don’t take that personally, either. And don’t believe that stuff in this week’s New York magazine about my campaign trying to depict you as a right-wing dinosaur from the nineteen-fifties who’s going to ban abortion, birth control, and reality TV. That’s just Axe and the boys getting a little overexcited.
The New Yorker: “This Is the President Calling for Governor Romney”
Zitat des Tages: Mittwoch, 18. April 2012 – “Building the biggest grassroots campaign in history”
Mr Obama’s campaign team also wants to emulate his success in 2008 in another way, by creating a huge network of volunteers, recruited and co-ordinated in large part online, to proselytise on his behalf. There is much talk of “building the biggest grassroots campaign in history”. So Mr Obama’s footsoldiers are trying to contact as many potential supporters as possible in person, either online or through carefully orchestrated door-knocking drives and telephone banks. That, in turn, has racked up big bills for internet advertising and office overheads.
This approach has multiple virtues. Voters are more likely to respond to a friend’s political urgings than to a television advertisement or a flyer, according to Mr Obama’s strategists. Direct contact with a large pool of potential voters allows Mr Obama to present his own pitch, unfiltered by the media, and the campaign’s technical wizardry will ensure that it is tailored to the recipient. That should be especially valuable this time, since the media is less enamoured of the president than it once was, and since changes in election laws have made it much easier for pressure groups to spend vast sums to influence the election. Personalised e-mails, phone calls and appeals from friends or neighbours, the theory runs, should help counter the flood of negative advertising. Even better, such an approach dovetails neatly with efforts to register new voters. The campaign sees lots of potential to add young people and Hispanics, in particular, to the rolls in swing states—and has already started.
Zitat des Tages: Donnerstag, 28. Oktober 2010 – Not happen ovenight
Obama replied: “When I say that when we promised during the campaign, change you can believe in, it wasn’t change you can believe in in 18 months …What I would say is, ‘Yes, we can’, but it is not going to happen overnight.” Stewart suggested one of the problems was that far from bringing about change, Obama had brought into power many of the same old faces, such as his economics adviser, Larry Summers, who is about to leave the administration and has been heavily criticised over the lacklustre state of the economy. “In fairness, Larry did a heck of a job,” Obama said. Stewart interjected: “You don’t want to use that phrase, dude.”
The Guardian: Laughs in short supply as Barack Obama gets serious on The Daily Show
Das sehenswerte Interview von US-Präsident Barack Obama bei Jon Stewart’s The Daily Show gibt es hier.
Vorbild Barack Obama
Um nicht gleich wieder in Jubelstürme auszubrechen, kurz ein Gedanken, den ich einfach mal loswerden musste. Man kann zum Hype und der Bewunderung für Barack Obama und die Person und den Charakter des US-Präsidenten gewiss unterschiedlicher Ansicht sein. Dennoch finde ich es wunderbar, wie Barack Obama trotz aller Schwierigkeiten – eine skeptische öffentliche Meinung, Widerstand auch in den eigenen politischen Reihen und bei vielen instrumentalisierten Medien – weiter um seine Gesundheitsreform kämpft. Erst das wochenlange Werben im Kongress, Reisen durchs Land um mit den Bürgern über die Reform zu sprechen, Auftritt in den großen und beliebten Talkshows, dann die Zustimmung des Repräsentantenhauses und nun kann der Entwurf dank der Zustimmung vom Wochenende im Senat beraten werden.
Und das immerhin 10 Monate nach seinem Amtsantritt. Natürlich mögen jetzt viele einwenden, dass das ein langer, zäher Prozess ist und Obamas Reform erheblich abgeschwächt wird, vielleicht sogar noch scheitern kann. Aber es ist ein vorbildhaftes Verhalten für seine politischen Positionen einzustehen und diese auch gegen Widerstände zu verteidigen. Und zur Not eben einen Kompromiss finden. Wie in einer Demokratie üblich und häufig auch notwendig. Und das ist im politischen System und der Medienmacht gewiss sehr viel schwieriger als bei uns.
Dafür bewundere ich Barack Obama. Ein Vorbild, nicht nur in dieser Hinsicht.