Dienstag, 23. Dezember 2008 14:16
Ich bin immer noch ein begeisteter Anhänger des Mediums Radio. Morgens beim Frühstück, hin und wieder am Schreibtisch im Büro, gerne nachmittags und abends als Alternative zum Fernseher. Dank der Livestreams im Internet ist es ja kein Problem mehr sich alle Radiostationen der Welt anzuhören.
Im kommenden Jahr werden bei uns die GEZ-Gebühren erhöht, um etwas mehr als 90 cent pro Monat. Das macht dann pro Nase etwas mehr als 10,80 € im Jahr. Rechnet man das hoch auf all die ehrlichen GEZ-Zahler kommt da schon eine ganz schöne Summe bei rum. Nur, wird der normale Hörer und Zuschauer der ÖR auch nur im Ansatz sehen, wo das Geld hinfließt und vor allem für was es konkret – sprich für den Konsumenten – genutzt wird. Wahrscheinlich nicht. Transparenz war noch nie eine Stärke von ARD und ZDF.
Warum ich das alles erzähle. Weil mir irgendwann vorgestern Abend bewusst wurde, wie wenig ich nur noch Radio- und TV-Sender der ÖR hier in Deutschland nutze. Das hat sich in den letzten Jahren massiv hin zu BBC oder anderen englischsprachigen Radiosendern verschoben. Das einzige, was ich hin und wieder in Deutschland noch höre sind Bremen Vier donnerstags um 20h00 mit der stets exzellenten Rock-Show, manchmal Radio Fritz und häufiger Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.
Und das hat ganz genau zwei einfache Gründe. Die Qualität und der Umgang mit dem Hörer, sprich die Einbeziehung in das Programm oder in Senderinhalte. Zwei Beispiele möchte ich mal geben, die zeigen, dass unserer ÖR so meilenweit an Qualität und Quantität hinterherstecken, dass eine GEZ-Erhöhung eigentlich der blanke Hohn ist. Und jetzt komm mir bitte keiner mit der These, dass sich die BBC und unsere ÖR nicht vergleichen lassen weil ihre Säulen unterschiedlich finanziert werden. Bei der BBC gelten sehr viel strengere Vorlagen, was Ausgaben angeht. Aber, die BBC macht aus ihren Mitteln einfach sehr viel mehr.
Beispiel BBC Five Live: Man braucht sich nur mal das Weihnachtsprogramm auf 5 Live anschauen um gleich festzustellen, dass dieser Sender seinen Zuhörern noch mal etwas Besonderes bieten möchte im Jahr 2008. Viele Rückblicke und Specials mit teils sehr starker Einbindung der Zuschauer. Und es ist für jede Interessenlage was dabei. Sport, Politik, Kultur. Und alles noch einmal nachhörbar, falls man es verpasst haben sollte. Schnell, einfach und übersichtlich zu finden.
Beispiel BBC Radio 1: Dort gibt es jeden Morgen von 07h30 bis 11h00 deutscher Zeit die Chris Moyles Show, die Frühstücksshow für das jüngere Publikum bei der BBC. Und es sind 3 1/2 Stunden, die den Namen Show – im Gegensatz zu all dem Krams in Deutschland hier – auch wirklich verdienen. Es gibt eine eigens komponierte Eröffnungsmelodie, alle halbe Stunde Nachrichten und Sport, und dazwischen jede Menge Interviews mit vielen Gästen und gute Musik. Und zwar solche Musik zum Wachwerden. Das schöne an dieser Show, die ich mittlerweile jeden Morgen beim Frühstück höre, ist, dass kein Tag ist wie jeder andere. Das ist etwas, was mich am Radio in Deutschland nervt. Alles so vorhersehbar, immer alles zur gleichen Zeit. Und einen eigenen YouTube-Channel hat die Show auch.
Die Chris Moyles Show besteht aus fünf Moderatoren, zwei für Nachrichten und Sport, ein Producer, der stets dabei ist, und zwei, unter anderem der Host Chris Moyles, die durch die Show führen. Alle verstehen sich bestens und interagieren wunderbar miteinander. Und jede Show ist anders. Manchmal wird erstmal 10 Minuten leidenschaftlich über die Premier League, Christmas-Shopping oder Politik diskutiert, manchmal gibt es gleich Musik oder ein kleines Quiz zum Wachwerden. Die kompletten 3 1/2 Stunden übrigens ohne Werbung!
Und man hat das klare Ziel den Zuhörern etwas zu bieten, für sie da zu sein, mit ihnen via Mail, Sms oder Chat zu kommunizieren. Gerade in der Vorweihnachtszeit zeigte sich wieder, dass man allen Zuhörern noch etwas Besonderes bieten wollte. In der letzten Woche gab es jeden Tag einen Gast, unter anderem Mark Ronson, The Ting Tings oder auch Chris Martin von Coldplay. Das ist ein Pensum, das einige deutsche Radiosender nicht mal in einem Jahr schaffen. Die Gäste waren fast 2 Stunden zu Gast, haben live mehrere Songs perfomt und über Weihnachten, Familie und alles andere lustig, teils auch ironisch diskutiert. Man fühlte sich stets bestens unterhalten. Die BBC schenkte in den zwei Wochen vor Weihnachten ihren Zuhörern jeden Tag ein Lied zum kostenlosen Download, teils Live-Aufnahmen oder exklusiv für die BBC gespielte Tracks. Die BBC versteht es sowas von großartig, dass Radio hören ein Geben und Nehmen ist.
Und wer mal sehen will, wie die Show Geburtstage ihrer Teammitglieder feiert, sollte dieses Video anschauen.
Von daher sehe ich es immer skeptisch, wenn bei uns die GEZ erhöht wird, weil Radio und TV in Deutschland einfach meilenweit hinterher hinken und es für mich selten qualitative Verbesserungen gibt. Es gibt wenige Ausnahmen, die aber nur die Regel bestätigen. Bis auf weiteres habe ich mich prima mit der BBC angefreundet. Und es muss schon viel passieren, dass ich wieder Radio höre bei unseren ÖR-Sendern. Die 10,80 € mehr im nächsten Jahr tun mir schon fast Leid.