“Wie in der Drogenszene”. Beobachtungen aus dem politischen Berlin-Mitte
Donnerstag, 17. Februar 2011 17:02
Ich war vergangene Woche drei Tage mit dem Masterstudiengang Politische Kommunikation in Berlin, um mit Praktikern und Theoretikern über politische Kommunikation in Berlin und insbesondere das Verhältnis von Politik und Medien zueinander in der Hauptstadt zu sprechen. Nachfolgend einige Eindrücke und Beobachtungen von den Gesprächen, die wir geführt haben, und ein paar persönliche Anmerkungen. Nur zum Teil wirklich neue Dinge erfahren, aber insgesamt war es doch ein interessanter und aufschlussreicher Besuch. Und Berlin ist ja sowieso immer eine Reise wert. Großartige Stadt.
Montag, 07.02.2011
Mit dem ICE nach Berlin. Unspektakuläre Zugfahrt. Die Strecke kenne ich ja fast auswendig, den Sportteil der Süddeutschen Zeitung kann man auch nicht vier Stunden lesen. Also beteiligte ich mich mit Bemerkungen zur neuen Kollektion von H&M. Muss man ja auch mal machen. Mit nur 10 Minuten Verspätung am frühen Nachmittag in Berlin angekommen, die Sonne schaut zwischen den Wolken hervor, aber gefühlt eine Ecke kälter als in Düsseldorf. Am Nachmittag hatten wir nur einen Termin. Wir waren zu Gast bei Ergo Kommunikation, einer Agentur, die sich auf drei Bereiche – Politische Kommunikation, Unternehmenskommunikation und Finanzkommunikation – spezialisiert hat und neben dem Standort in München noch Büros in Frankfurt, Köln und München hat. Seit 2007 verweilt man nun auch in Berlin und hat sich hier ganz auf den Bereich Politische Kommunikation konzentriert. Insgesamt arbeiten 80 Mitarbeiter für 70 Kunden. Die Gründung von Büros in Berlin hatte einen einfachen Grund. Man wollte “präsent sein” in der Hauptstadt. Mittlerweile hat sich die Agentur ein ganz gute Standing erarbeitet und unterstützt im Bereich Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik Kampagnen des Bundesfamilienministeriums (“Erfolgsfaktor Familie“) und “Vielfalt als Chance” vom Bundesintegrationsbeauftragten. Die Büros von Ergo Kommunikation liegen zentral in der Nähe der Französischen Straße. Betritt man das Gebäude, indem noch gefühlt zigtausend andere Branchen untergebracht sind, fühlt man sich schon ein wenig in einer kleinen anderen Welt. Gäserne Fahrstühle bringen einen ins oberste Stockwerk. Beim Betreten der Agentur dachte ich erst, ich würde eine Arztpraxis besuchen, zumindest vom Aufbau des Empfangsbereichs. Hätte gerne gesehen, wie groß die Agentur wirklich ist. Das Gespräch und die Ausführungen waren insgesamt sehr interessant. Die vielfältigen Aufgaben bei der Betreuung einer Kampagne, wie Newsletter und Pressemitteilungen schreiben, Reden anfertigen und Pressekonferenzen organisieren, zeigen, dass es gerade für politische Ministerien nicht mehr ohne externe Expertise geht. Die benötigt auch die Agentur, greift sie für die Planung und Umsetzung von Kampagnen auf einen Expertenpool zurück. Tobias Mündemann, Geschäftsführer von Ergo, hat einen eigenen Blog “Äpfel mit Birnen“, der aber nur unregelmäßig geschrieben wird. Ohne Kommunikationsagenturen scheint es im politischen Berlin nicht mehr zu gehen. Die Politik braucht sie, die Agenturen brauchen Aufträge von der Politik. Die Konkurrenz ist groß.
Freier Abend. Lecker essen gewesen. Und die Kneipen von Friedrichshain erkundet.
Dienstag, 08.02.2011
Der erste Termin führte uns ins Willy-Brandt-Haus zur SPD. Großes Gelächter unter Studierenden und Professoren, als wir vor dem Willy-Brandt-Haus einen großes gelbes Schild “Baustelle. Betreten verboten” sahen. Sehr viel besser kann man die Lage der Sozialdemokraten nicht zusammenfassen. Immer noch nicht so ganz mit den Nachwirkungen der Agenda 2010 abgeschlossen und jetzt einen Kompass suchend, wie man die guten Programmpunkte aus der Agenda mitnimmt, die weniger guten umformuliert ohne als Umfaller zu gelten – und gleichzeitig muss man sich und die Parteimitglieder auch noch strategisch in eine gute Position für die Bundestagswahl 2013 bringen. Inklusive einer neuen Vorgehensweise für die Mobilisierung der Parteimitglieder. Denn mit 23% Wählerstimmen wird man zukünftig keinen Blumentopf gewinnen. Und Opposition ist ja bekanntlich Mist. Dass diese Herausforderungen für die SPD nicht einfach sind und die Partei da selbst sich noch finden muss, hat uns auch Dr. Carsten Brosda, der Abteilungsleiter Kommunikation, offebart. “Wenn ich eine Kampagne organisiere, muss ich innerparteilich für Überzeugung sorgen.” Ein keineswegs revolutionärer Satz, aber von der SPD 2005 und 2009 nur unzureichend befolgt. Man müsse eine Geschichte erzählen, einen roten Faden entwickeln, der den Parteimitgliedern deutlich macht, um welche Programmatik es geht und warum dies für die SPD richtig und wichtig sei diese Programmatik zu besetzen. Und wenn dann noch Glabwürdigkeit und Vertrauen hinzukommen, sei man schon einen Schritt weiter. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Anschließend hörten wir noch ein paar Ausführungen zur Konkurrenzbeobachtung, die ich aber insgesamt nicht für berichtenswert halte.
Umso spannender und interessanter war der nächste Termin. Im Redaktionsgebäude des Tagesspiegel (manchen Zeitungen kann es nicht schlecht gehen) am alten Anhalter Bahnhof trafen wir Tissy Bruns, politische Chefkorrespondentin des Tagesspiegel. Tissy Bruns kann ihre Zuhörer nahezu perfekt zu einem Thema hinführen und begann ihren kleinen Einstiegsvortrag mit drei Thesen zum grotesken Widerspruch zwischen Turbojournalismus und den Themen in der Gesellschaft, zur Entweder-Oder-Falle (Fall Thilo Sarrazin: Auf welche Seite schlägt sich der Journalismus? Es gibt nur noch Schwarz-Weiß) und zu einem Anwachsen des politischen Zynismus in Deutschland (“Hartz IV ist kein Gewinnerthema”). Alle diese Entwicklungen verändern den politischen Journalismus (in Berlin) nachhaltig. Tissy Bruns gehört zu den sehr kritischen Vertreterinnen ihrer Branche. 2007 veröffentlichte sie ein Buch mit dem prägnanten Titel “Republik der Wichtigtuer”, in dem sie mit den politischen und medialen Eliten des Landes (also auch mit sich selbst) offen abrechnete. Journalisten sind dank des politischen Betriebs nicht mehr “Gestalter, sondern Getriebene”, es gebe einen Konformismus bei den Themen, es bliebe wenig Zeit für gute Recherchen und reflektierte Analysen und überhaupt nehmen sich Politiker und Journalisten viel zu wichtig und hätten den Kontakt zu den einfachen Bürgern verloren und nicht mehr nötig. Nun ist diese Diagnose nicht völlig neu. Aber das überzeugend von jemanden zu hören, der direkt in diesem Spannungsfeld lebt und arbeitet und selbst kein Patentrezept für die Lösung dieses Dilemma parat hat (“der echte Optimist macht sich nichts vor”), war beeindruckend zu hören.
Am späten Nachmittag waren wir dann bei der CDU im Konrad-Adenauer-Haus und haben von Harald Walter, stellvertretender Bereichsleiter Marketing und interne Kommunikation, einiges zum föderalen Aufbau der CDU gehört. Ich fand es uninteressant und schlecht vorgetragen und habe deshalb einfach mal nicht zugehört, sondern stattdessen Blogbeiträge vorgeschrieben. Auf Papier. Es war der einzige Termin, der mir nicht gefallen hat. Zum Abendessen ganz klassisch Currywurst und Pommes an der Currywurstbude am S-Bahnhof Friedrichstraße. Hach Berlin.
Am Abend ein weiteres Highlight. Thomas Steg, ehemaliger stellvertretender Regierungssprecher unter Schröder und Merkel, stand uns für ein “Kamingespräch” Rede und Antwort und hat sehr offen über den Arbeitsalltag eines Regierungssprechers, das Verhältnis von Politik und Medien in Berlin und Probleme der politischen Elite in Deutschland gesprochen. Scheinbar bekommt man – das habe ich nicht nur bei Thomas Steg festgestellt – einen anderen offeneren Blick auf das politische Berlin-Mitte. Von ihm stand auch das Zitat aus dem Titel. Er hat das Verhältnis in Berlin-Mitte mit der Drogenszene verglichen. Man weiß, wo man sich trifft und jeder weiß, wo er an seinen Stoff – also exklusive Informationen oder Publizität – bekommt. Wer Thomas Steg jetzt gar kein Begriff ist, kann dieses Video ja mal anschauen.
Spätabends Oranienburger Straße.
Mittwoch, 09.02.2011
Letzter Tag, die Zeit rennt. Wieder sonnig und kalt. Nach dem vollgepackten Programm am Dienstag haben wir es heute ruhiger angehen lassen. Bundestag stand heute auf dem Programm. Wir haben um 13:00 Uhr die aktuelle Stunde des Bundestags zu den Unruhen in Ägypten mitgenommen, vorher waren wir bei den Linken zu Gast. Kathrin Werner aus Trier hat uns erzählt, wie schwierig – vor allem auf lokaler Ebene – es mittlerweile für die Linkspartei ist Medienpräsenz zu bekommen. Die Sonne auf der Reichstagskuppel genossen. Anschließend Mittagessen im Paul-Löbe-Haus, das architektonisch von der Inneneinrichtung schon imposant aussieht. Zu guter letzt haben wir noch mit Thomas Jarzombek, MdB und Mitglied in der Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” gesprochen. Ich fand seine Ausführungen zur medialen Präsent eines Abgeordneten ganz interessant. Er müsse nicht in jeder Zeitung vorkommen oder auf alle Interviewanfragen antworten. Und er sei ein Freund von allen Web2.0-Anwendungen. Call it niederschwellige Kommunikation.
Politik, Medien und PR-Agenturen, dicht an dicht in Berlin-Mitte. Alle verfolgen ihre Logik, ihre Eigeninteressen, alle sind irgendwie voneinander abhängig. Brauchen einander. Zum teil wirklich wie in der Drogenszene. Ich finde den Vergleich ganz passend. Dass alle Akteure vor immensen Herausforderungen stehen, ist ebenso klar. Politik und Medien müssen wieder Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, müssen Sprachrohr für die Bevölkerung sein und wieder Kontakt zu den einfachten Leuten aufnehmen. Wie das geschehen soll, wissen die wenigsten. Probleme sind erkannt worden, Lösungen haben die wenigsten. Und so schwimmt man weiter in der Blase im politischen Berlin-Mitte.
Thema: Alltägliches, Politik National | Kommentare (0) | Autor: medispolis



