Vorschau DEL-Finale 2010: Hannover Scorpions vs Augsburg Panther
Montag, 19. April 2010 19:45
Ganz Eishockey-Deutschland, mit Ausnahme der Region Hannover, steht scheinbar geschlossen hinter den Augsburger Panthern, die morgen zum ersten Finalspiel in die Tui-Arena zu den Hannover Scorpions reisen. Es ist ja auch das Sportmärchen in diesem Frühjahr. Der AEV, häufig als “Armenhaus der DEL” beschrieben – wobei man da gar nicht weiß, ob der Terminus sowas wie Bedauern oder eher Bewunderung ausdrücken soll – träumt nach einem achten Tabellenplatz in der Hauptrunde 2009/2010 ( nach Siegen in den letzten sechs Vorrundenspielen) vom ganz großen Coup: dem ersten Meistertitel. Und der neutrale Fan kann gar nicht anders mehr als seine Sympathien dem AEV zuzuwerfen, jener Mannschaft, die als Underdog durch die Playoffs zog und mit Mannheim und Berlin die reichen Vereine aus dem Wettbewerb kegelte. Und schließlich mussten im Halbfinale auch die Grizzlys Adams Wolfsburg dran glauben, gerade mal mit etwas mehr Geld ausgestattet als die Augsburger, trotz potentiellem Großsponsor im Hintergrund. Augsburg lebt seinen Traum, die Stadt versinkt in einer Welle der Euphorie, und der AEV mausert sich zum Favoritenschreck. Doch nachdem man Mannheim, Berlin und Wolfsburg in den vorzeitigen Urlaub geschickt hat, muss man eigentlich bei weitem nicht mehr von einem Außenseiter sprechen, auch nicht vor dem Finale gegen die Hannover Scorpions. Ein Kapitel fehlt den Augsburg Panthern noch im Frühjahrsmärchen – jetzt aber in anderer Ausgangslage. Denn Außenseiter ist der AEV jetzt vielleicht noch auf dem Papier und wenn man sich den ein oder anderen spielerischen Aspekt näher begutachtet – letztendlich spürt der AEV jetzt auch den Druck und vielleicht die Last den finalen Schritt zu gehen, mit der großen deutschen Eishockey-Fangemeinde als stille Unterstützer. Die Augsburg Panther als Underdog – das lasse ich nicht mehr gelten.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Story der Hannover Scorpions in dieser Saison genauso spektakulär verlaufen ist wie beim Gegner aus Bayern. Im November noch Tabellenletzter, der Trainer droht mit Rücktritt, steht man sechs Monate später jetzt zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte im DEL-Finale. Wie eine kleine Maschine an Effizienz und Effektivität zog man durch die Playoffs, vor allem die ersten beiden Spiele in der Halbfinalserie gegen Ingolstadt waren beeindruckendes Eishockey. Wenig Chancen, aber viele Tore und defensive Disziplin. Mittlerweile hat sich dann auch in der gesamten Stadt rumgesprochen, dass die Scorpions schon jetzt ihren größten Vereinserfolg geschafft haben. In der Abschiedssaison von Hans Zach soll jetzt das i-Tüpfelchen folgen. Scorpions-Verteidiger Thomas Dolak formuliert es so: “Wir wollen Hans Zach noch einmal einen ganz großen Abgang verschaffen.” Doch der Trainer aus Bad Tölz, seit vier Jahren an der Bande der Hannover Scorpions, will von all dem Trubel nichts wissen, zumindest gibt er sich so nach außen: “Krönung interessiert mich nicht.” Wobei selbst ein sonst so ruhiger Hans Zach einen Meisterschaftstitel zum Abschluss seiner Karriere sicherlich gerne mitnehmen würde. Die Euphorie in Hannover mag ein wenig kleiner sein als in Augsburg, aber trotzdem ist man sich auch an der Leine bewusst, was die Scorpions diese Saison erreicht haben und ja vielleicht noch erreichen. Und das wird von vielen endlich auch honoriert.
Schaut man sich beide Teams genauer an, dann fällt auf, dass beide Mannschaften in diesen Playoffs ihre Stärken vollends ausgespielt haben. Vor allem deswegen stehen sie im Finale. Blickt man auf die Hannover Scorpions, dann ist das an erster Stelle vor allem die Ausgeglichenheit im Team. Hans Zach lässt konsequent mit vier Reihen spielen, alle diese können Tore schießen. Erinnert sei an die Treffer von Blank und David Wolf in der Serie gegen Nürnberg. Zweites großen Plus der Hannoveraner: das Powerplay, zweitbestes in der Hauptrunde und in den Playoffs nochmal zu neuer Stärke erwachsen. Was daran liegt, dass auch die Reihe um Adam Mitchell, Matt Dzieduszycki und Chris Herperger – also die Formation, die das Überzahlspiel grundsätzlich hinter dem Tor spielen lässt – endlich wieder trifft. Das entlastet natürlich auch die Reihe um Dolak, Kathan und Vikingstad, die mit Sascha Goc den torgefährlichsten Verteidiger der DEL an ihrer Seite haben. Und auch Youngstar Ben Cottreau mit seinem gefährlichen Schlagschuss hat in den Playoffs das ein oder andere Mal getroffen. Wenn es nach der Hauptrunde so etwas wie ein Sorgenkind in Hannover gab, dann die Offensive. Das hat sich vorerst erledigt. Zudem hat Hannover eine Menge Erfahrung im Team, auf dem Eis wie neben dem Eis. Hans Zach weiß, wie man ein Team einstellen muss, dass um den Titel spielt. Drei Meisterschaften mit der Düsseldorfer EG sowie zwei weitere Finaleinzüge – einmal mit den Düsseldorfern und 2003 mit den Kölner Haien – sprechen für ganz viel Erfahrung, zudem hat Kapitän Tino Boos 2002 mit den Kölnern den Titel geholt. Vikingstad und Torhüter Travis Scott wissen ebenfalls, was es heißt eine Finalserie zu gewinnen. Größtes Manko der Hannover Scorpions sind die vielen Nachlässigkeiten und Formschwankungen während der Spiele, in der Serie gegen Nürnberg noch sichtbarer als bei den drei Partien gegen den ERC Ingolstadt. Die Scorpions schaffen es selten konstant über 60 Minuten konzentriert und engagiert zu spielen. Große Vorsprünge wurden häufig beinahe verspielt, dafür ist die Moral bei Rückständen umso größer. Herzstück eines jeden Zach-Teams ist die Defensive. Doch auch die ist zu knacken. Hannover hat Probleme, wenn man zu weit aufgerückt ist und dem Gegner die neutrale Zone als Start zum Kontern überlässt. Insbesondere in der Nürnberg-Serie ist aufgefallen, dass die Scorpions Schwierigkeiten haben, wenn die Gegner schnell hinter dem Tor spielen und dann den präzisen Pass in den Slot vor das Tor von Scott spielt. Das könnte eine Möglichkeit sein die Scorpions zu knacken. In den Playoffs haben es die Scorpions bisher nahezu gut verstanden, von der Strafbank fernzubleiben. Disziplin und die Geduld stimmen, war aber diese Saison auch schon mal anders.
Der große Rückhalt der Augsburg Panther steht im Tor. Nationaltorhüter Dennis Endras spielt überragende Playoffs und seine Fangquote von über 94 Prozent ist nur ein Merkmal dieser Stärke. Endras hält das Team defensiv zusammen, feuert sein Team an und scheint auch ein ganz wichtiger Faktor in der Verbindung Mannschaft und Fans zu sein, eben weil Endras seinen Vertrag im Gegensatz zu vielen anderen Leistungsträgern in Augsburg verlängern wird. Ich hatte ja nun häufiger die Gelegenheit einige Spiele der Panther in diesen Playoffs zu schauen. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie das Team insgesamt seine Struktur auch bei Rückstand beibehält, fast schon Zach-ähnlich. Es wird nichts überstürzt, alles wirkt durchdacht, jeder hält seine Position und erfüllt seine Aufgabe. Und das sieht dann häufig mit der offensiven Ausrichtung auch attraktiv aus. Überhaupt ist die Offensive exzellent besetzt. Der deutsch-kanadier Darin Olver bekommt in den Playoffs durch Chris Collins (sieben Treffer in 11 Partien) fantastische Unterstützung, Brett Engelhardt hat gezeigt, dass er die wichtigen spielentscheidenen Tore erzielen kann und auch Tyler Beechey und Connor James sind brandgefährlich. Weiterer Pluspunkt für die Panther ist der Zusammehalt im Team, viele Leistungsträger verlassen den Verein nach Saisonende. Was bietet sich da besser als mit einem Meisterschaftstitel zu gehen? Und so tritt die Mannschaft auch nach außen auf. Sie wirkt extrem gefestigt. Und damit sind dann eben Schwächen gegenüber dem Gegner auch auszugleichen. Und wenn man die Stärke nicht schon in der eigenen Mannschaft findet, dann wenigstens im Umfeld, genauer gesagt beim altehrwürdigen Curt-Frenzel-Stadion, eine Spielstätte, die für viele Gegner, die an geschlossene Mehrzweckarenen gewöhnt sind schwierig zu spielen sind. Zum Glück ist es im April nicht mehr so kalt, ist das Stadion doch nach drei Seiten offen, hat steile Stehplatztribünen, bei Sonnenschein reflektiert das Abendrot im Eis. Ein Hexenkessel und mit Sicherheit ein Faktor in dieser Finalserie. Schwächen muss man beim AEV schon etwas genauer suchen. Die Defensive könnte es sein. Zumindest in der Hauptrunde dieser Saison kassierte man die meisten Gegentreffer der Playoff-Teams, wenngleich die Defensive in der Serie gegen Wolfsburg überwiegend sattelfest verstand. Zumindest was die Gegentore angeht, aber insgesamt lässt Augsburg viel zu viele Torschüsse zu. Wenn Endras dann mal nicht seinen besten Tag erwischt hat, endet das wie in Spiel 3 in Wolfsburg. Ziel für die Hannover Scorpions muss es sein, möglichst viele Scheiben auf das Tor zu bringen, schnell und variabel zu spielen. Dann dürften die jungen Verteidiger der Panther ins Schwimmen kommen. Vom Gefühl her hatte Augsburg insbesondere in der Serie gegen Wolfsburg ein paar zu viele Strafen kassiert. Das wäre gegen das Powerplay der Scorpions von Nachteil, gleichzeitig haben die Panther die meisten Torschüsse in Unterzahl zugelassen. Augsburg sollte es also vermeiden, unnötig Strafen zu kassieren.
Das Finale – das Highlight der DEL-Saison und die Krönung einer einzigartigen Saison für beide Mannschaften und Fangruppen. Mit Tipps halte ich mich zurück, ich halte die Serie wie alles zuvor für völlig offen. Würde mir aber natürlich einen Titel für die Scorpions wünschen. Ansonsten ist es einfach nur toll eine Finalserie als Fan mitzuerleben. Ich bin am Sonntag in der Tui-Arena und freue mich jetzt schon unabhängig von den ersten beiden Spielen riesig darauf.
Die Finalspiele finden am 20., 23., 25., 28. und 30 April statt. Sky übeträgt alle Partien live.
Thema: Sport | Kommentare (1) | Autor: medispolis

