Champions League 2009/2010 Achtelfinale Hinspiel, FC Porto – FC Arsenal 2:1
Mittwoch, 17. Februar 2010 22:41
Während der Großteil der deutschen Fernsehzuschauer sich heute wohl auf die Partie zwischen den Bayern und dem AC Florenz konzentriert hat, habe ich mir ganz in Ruhe 90 Minuten lang den Auftritt vom FC Arsenal beim FC Porto angeschaut. Nachfolgend einige Eindrücke und Erkenntnisse des Spiels.
Vor dem Spiel:
Was macht Arsene Wenger, wenn mal wieder ein wichtiges Spiel für seine Gunners auf dem Programm steht? In beständiger Regelmäßigkeit erklärt er den Auftritt seines jungen Teams als Reifeprüfung, als mögliche Demonstration der Weiterentwicklung seiner Mannschaft, als das Umgehen mit Druck, als das Zeigen von hinzugewonnener Erfahrung über die letzten Jahre. Wenger hatte das bereits letztes Jahr vor jedem K.o.-Spiel in der Champions League gemacht, zuletzt vor den drei wichtigen Ligaspielen des FC Arsenal. Und nun wieder vor dem Auftritt der Gunners im Estádio do Dragao. Nun scheint für Wenger wieder der nächste Schritt gekommen zu sein. Und in gewisser Hinsicht ist er das auch. Arsenal muss heute Abend mit zahlreichen Verletzten umgehen und gleichzeitig zeigen, dass sie auf europäischer Bühne mithalten können und die Leistungen aus dem Vorjahr bestätigen. Nicht ganz umsonst erwähnte Wenger, dass man wieder den Spirit of 2006, als man ins Finale einzog, wiederbeleben müsse. “Ich glaube, wir haben die Spieler, die aufs Feld kommen können und eine gute Leistung zeigen, weil sie die Erfahrung haben. Sie haben alle bereits Champions League gespielt, wir können uns darüber nicht beschweren. Es ist der Teil eines erfolgreichen Teams – große Spiele zu bestreiten ohne die Top-Elf und trotzdem erfolgreich zu sein. Der kleine Spagat von Wenger zwischen dem Starkreden seines Teams und der Herausstellung einer stets neuen Prüfung, die Erfahrung unter Beweis zu stellen. Arsenal muss mit Arshavin, Eduardo, Song, Almunia und Gallas auf fünf Stammspieler verzichten. Und auch deswegen ist es eine kleine erneute Reifeprüfung.
Der FC Porto liegt in der heimischen Liga schon neun Punkte zurück hinter Tabellenführer Benfica und kam am Wochenende beim Vorletzten Leixoes nur zu einem 0:0. Porto hat in der Liga zuhause noch nicht verloren, hat diese Spielzeit in der Champions League aber nur durchschnittliche Leistungen erbracht. Zwar gab es einen souveränen Heimsieg gegen Atletico Madrid, aber nur mit Mühe besiegte man Apoel Nikosia, gegen Chelsea verlor man im Drachenstadion. Letzte Saison schied man im Viertelfinale aus – dank einer Heimniederlage gegen Manchester United. Die englischen Teams scheinen also nicht so wirklich zu liegen.
Das Spiel:
Arsenal muss auf alle Fälle, wenn man dieses Spiel erfolgreich gestalten will, defensiv besser stehen und sich nicht wieder auskontern lassen. Porto hat letzte Saison im Viertelfinale bei Manchester United gezeigt, dass sie auch auswärts Tore schießen können, wenngleich Arsenal im Emirates gegen Porto immer hervorragend ausgesehen hat. Wenger wünscht sich auf alle Fälle eine stabile Defensive und vielleicht ein Auswärtstor. Arsenal musste also einige Spieler ersetzen. Fabianski rutschte ins Tor, Sol Campbell rückte in die Innenverteidigung und macht sein erstes Spiel in der Champions League seit seinem Finaltor 2006 für Arsenal in Paris. Denilson übernimmt die Rolle von Song, Bendtner ist einzige Spitze, umrahmt von Rosicky und Nasri in der Offensive. Bei Porto kehrt der in der Liga gesperrte Hulk in die Startelf und soll im Sturm für Tore sorgen. Raul Meireles, Varela und Falcao sollen ihn offensiv dabei unterstützen.
Beste äußere Bedingungen herrschten im Drachenstadion, über 10 Grad, trocken, großartige Atmosphäre voller Vorfreude auf ein hoffentlich tolles Spiel. Arsenal hatte Anstoß und spielte in weiß-rot von links nach rechts in der ersten Hälfte. Und nach zwei Minuten erstmals Gefahr vor dem Tor des FC Arsenal, Porto gelang ein Blitzstart. Campbell verliert das Laufduell mit Falcao, kann dann aber mit einer tollen Grätsche noch den Ball klären. Den Nachschuss von Micael blockt dann Vermaelen für den schon geschlagenen Fabianski. Eine Minute später nächster Aussetzer von Campbell im Strafraum, Hulk nimmt den Abpraller direkt, aber ganz knapp am Tor vorbei. Und Arsenal hätte sich über einen Rückstand nicht beklagen dürfen. Es war ein schnelles, temporeiches Spiel in den ersten Minuten, Arsenal versteckte sich nach der anfänglichen Schockstarre nicht mehr. Aber Porto ging in Führung in der 11. Minute mit tatkräftiger Mithilfe von Fabianski. Varela mit der Flanke von rechts, der Pole spekuliert auf eine Flanke, steht dann schon ungünstig, kann der Ball aber ganz bequem aufnehmen, lässt ihn aber dann unter seinem Körper durchrutschen. An die Almunia-Kritiker, habt ihr das gesehen? Porto belohnt sich für die starke Anfangsphase, Arsenal machte die Flügel nicht dicht, Clichy lässt sich wieder von Varela überlaufen, die Gunners mit zu vielen Schnitzern in der Defensive. Arsenal danach in totaler Schockstarre. Es dauerte fast zehn Minuten, bis Bendtner mit einem abgefälschten Schuss den Pfosten berühte und Arsenal wieder zu atmen begann. Die anschließende Ecke brachte dann den Ausgleich. Vermaelen und Rosicky verlängern wunderbar, Sol Campbell muss nur noch einköpfen. Und plötzlich bekam Arsenal Oberwasser, tolle Einzelleistung von Rosicky, dessen Rechtsschuss von Helton zur Ecke geklärt wird. Im Gegenzug gefährlicher Freistoß für Porto, weil Vermalen zu langsam agiert und sich nur mit einem Foul helfen kann. So toll beide Offensivreihen agierten, so schlecht spielten die Defensiven, vor allem bei den Gunners. Aber man holte sich über die offensive Grundausrichtung im Laufe der ersten Hälfte Sicherheit und ein Chancenplus. Fabregas bringt einen Freistoß in der 37. Minute in die Mitte, Bendtner mit dem Kopfball aus 10 Metern, Helton kann den Ball über die Latte lenken. Insgesamt nur noch wenig klare Torchancen nach den beiden Treffern, Arsenal wurde mit zunehmender Dauer in diesem Spiel souveräner, spielte offensiv variabler und stand defensiv näher am Mann und gewann die wichtigen Zweikämpfe. Ein tolles, temporeiches Fußballspiel ging mit einem verdienten 1:1 in die Pause.
Arsenal kam richtig gut in diese Partie und dann überschlugen sich ab der 50. Minute die Ereignisse. Zunächst foult Meireles Rosicky im Strafraum, von ersten Sehen ein klarer Elfer, gab leider keine Zeitlupe. Der schwedische Schiedsrichter Hansson verweigerte aber den Pfiff. Dann sind sich im Gegenzug Campbell und Fabianski nicht einig, wer zum Ball gehen soll. Letzlich entscheiden sie sich für die schlechteste aller Varianten. Campbell tickt den Ball noch leicht an, Fabianski nimmt ihn auf. Klarer Rückpass, und Porto führt schnell aus, Arsenal weiß noch gar nicht, was passiert ist und da ist der Ball durch Falcao im Tor. Sehr viel blöder kann man sich nicht anstellen, von den Regularien ein völlig korrekter Treffer, auch wenn Wenger an der Seitenlinie außer sich ist. Und zumindest einigermaßen kann ich das verstehen: Denn der schwedische Schiedsrichter gibt dem Porto-Spieler den Ball pfannenfertig zur Ausführung in die Hand. Das habe ich auch noch nicht gesehen. Keine Ahnung, wem man da von Arsenal die Schuld geben soll, wahrscheinlich eher Campbell. Wieso tickt er denn den Ball noch an? Fabianski war doch fast da und der Gegenspieler noch ein gutes Stück weg. Im Spiel von Arsenal danach erstmal ein Bruch, man spielte nicht mehr so souverän, Porto spielte jetzt wieder zielstrebiger nach vorne. Viele Chancen gab es aber nicht. Gut 20 Minuten vor Schlusspfiff brachte Wenger Walcott für Rosicky. Die Gleichung Investition in dieses Spiel gleich Torchancen ging bei Arsenal im zweiten Durchgang überhaupt nicht mehr auf. Und dabei blieb es trotz temporeichen spiel auch in der zweiten Hälfte. Für den neutralen Betrachter ein richtig gutes Champions League Spiel. Vela kam acht Minuten vor Schluss für Bendtner, aber offensiv blieb Arsenal eine Enttäuschung in der zweiten Hälfte, man spielte die Angriffe nicht gut aus, agierte schlampig in den Zuspielen, war zu umständlich im Abschluss. Porto war bei Kontern stets gefährlich, aber Fabianski machte zumindest einen ruhigeren Eindruck gegen Ende des Spiels. Es passierte in den letzten Minuten nicht mehr viel. Am Ende gewinnt der FC Porto gegen die Gunners insgesamt verdient mit 2:1, vor allem dank einer stärkeren zweiten Hälfte und purer offensiver Harmlosigkeit der Londoner nach der Halbzeit.
Die Lehren aus diesem Spiel:
Was mir bei Arsenal in der ersten Hälfte insgesamt richtig gut gefallen hat, war die offensive Grundausrichtung, das frühe Angreifen und das Pressing schon in Höhe der Mittellinie. Diese Taktik ist insgesamt richtig gut aufgegangen. Porto spielte in der ersten Hälfte offensiv gut mit, machte defensiv ein paar Fehler. Sehr gut gefallen hatte mir Varela, der das Duell auf dem rechten Flügel klar gegen Clichy für sich entschied. Ruben Micael war bemüht, von Hulk war wenig zu sehen. Den hatten Vermaelen und Campbell gut im Griff.
Apropos Sol Campbell: Nicht nur wegen seines Treffers eine gute Leistung. Nachdem er das erste Laufduell verloren hatte, bekam ich schon Schweißperlen auf der Stirn. Aber dann glänzte er durch gutes Zweikampfverhalten und exzellentes Stellungsspiel. Nur ein wenig langsam war er. Langsam leider auch in der 50. Minute. Am einfachsten wäre gewesen, er hätte den Ball in den Atlantik befördert. Da merkte man auch die fehlende Spielpraxis. Als Alternative zu Gallas nur bedingt einsetzbar.
Niklas Bendtner hatte von Arsene Wenger stets viel Vertrauen entgegenbekommen. Der Franzose forderte vom dänischen Stürmer dies jetzt nach und nach zurückzuzahlen. Und zumindest in der ersten Hälfte gelang das gut. Wirkte stets präsent, war immer anspielbereit und hatte zwei gute Torchancen. In der zweiten Halbzeit tauchte der Däne dann unter, weil aber auch zu wenig Impulse aus dem Mittelfeld kamen.
Das große Problem bei Arsenal bleibt weiterhin die Defensive, insbesondere, wenn Gallas nicht dabei ist. Und Fabianski hat zumindest heute gezeigt, dass er auch für einen hin und wieder schwächeren Almunia keine Alternative ist. Almunia bekam die letzten Wochen von vielen Arsenal-Fans sein Fett ab, vielleicht lernt man ihn ja jetzt wieder mehr schätzen. Aber immerhin konnte man die Schwierigkeiten in der Verteidigung durch eine gute Offensive in der ersten Hälfte kompensieren. Das war in der zweiten Halbzeit nicht mehr gegeben. Das war in den letzten 45 Minuten richtig schlecht. Keine Ahnung warum. Aber da war dann letzlich auch mehr drin als nur ein Tor. Insgesamt kein schlechtes Auswärtsspiel, da war viel mehr drin.
In den Schlüsselduellen eigentlich ein ausgeglichenes Spiel. Bruno Alves bekam Bendtner in der zweiten Hälfte sehr viel besser in den Griff, Vermaelen machte gegen Falcao ein tolles Spiel. Der Toptorjäger der Portugiesen war abgemeldet in der ersten Hälfte. Fabregas spielte aufopferungsvoll, wurde häufig gefoult. Insgesamt Punktsieger gegen Meireles.
Zum Schiedsrichter sage ich nichts. Sagen wir es mal so: Das Verhalten vor dem 2:1 war schon komisch. Aber egal, daran hat es nicht gelegen. Für Arsenal eine brauchbare Ausgangsposition. Ein 1:0 reicht im Emirates, ist aber auch gefährlich, weil Porto gut kontern kann. Arsenal muss diese defensiven Schlurigkeiten abstellen. Und wenn man dann offensiv schnell ins Spiel findet, ist ein Weiterkommen in greifbarer Nähe.
Thema: Champions League | Kommentare (4) | Autor: medispolis

