“Vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist”: Ein Samstag im Abstiegskampf
Sonntag, 28. März 2010 11:05
“Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” Bertolt Brecht
Nachfolgend aus Erinnerung und Notizen mein Fußball-Samstag in Hannover. Oder kurz formuliert. Ein Tag zwischen Abstiegskampf, schlimmen Befürchtungen, Enttäuschungen und der großen Hoffnung, dass sich alles irgendwan zum Besseren ändert oder vielleicht auch nur ein schlechter Traum gewesen ist. Aber lest selbst:
08h17: Frühstück, Blick in die Hannoversche Allgemeine. Erste Analyse der Aufstellung, die meistens stimmt, wenn sie in der HAZ steht. Durica in der Abwehr, lese ich da, erstes Erschrecken. Gehe mit der Nase die Zeitungsseite hoch, durchs Mittelfeld. Erstes Alarmzeichen. Sehe kein Bruggink. Dafür Schlaudraff (hey, jeder hat eine zweite Chance im Abstiegskampf verdient) und vorne Stajner und Ya Konan. Erste Verzweifelung. Stajner von Beginn an. Wieso denn das? Schnell die Auswechselungsbank angeschaut. Dort steht der Name Bruggink, unser Kapitän. Gut, wird sich Slomka schon was gedacht haben. Zeitung durchlesen, über Gott und die Welt reden, Einkaufen, Hausarbeit korrigieren. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen später.
13h15: Bereit machen für den Stadionbesuch. Ich entscheide mich trotz 10 Grad für die Winterjacke, im Abstiegskampf weht ja ein kühler Wind. Schal um, ab zum Bus, wo die bekannten Gesichter schon sitzen. Man kennt sich vom Sehen, wünscht sich einen schönen Nachmittag. Fahrt in die Innenstadt, die Sonne versucht sich gegen die Wolken durchzusetzen.
13h50: Ankunft an der U-Bahn Station Aegidientorplatz. Erste Fans pilgern zum Stadion, wir gehen auf ein erstes Kölsch in die Ständige Vertretung. Hat sowas wie eine Tradition. Normalerweise ist es dort auch um diese Zeit angenehm leer. Nur heute nicht. Fast drei Viertel der Gäste sind Fans aus Köln. Man fühlt sich heimisch. Gute Stimmung, man kommt ins Gespräch. Komischerweise wissen die meisten schon, dass Podolski wohl nicht spielen wird. “Dann gewinnen wir heute auch”, sagt ein FC-Fan aus Porz, der mit seiner ganzen Bürogemeinschaft angereist ist. Der Barkeeper, im 96- Trikot, spielt die 96-Hymne “Alte Liebe”. Ungefähr zehn Leute halten ihren Schal hoch und singen mit. Nach zwei Kölsch geht es weiter zum Stadion.
14h30: Nächste Bierpause, diesmal im Courtyard Hotel am Maschsee. Sonne scheint, Vorfreude bei vielen Fans. Wenn man nach dem Ergebnis fragt, kommt immer ein egal. Aber es wird ein Heimsieg. Bitte nicht falsch verstehen, dass wir uns schon vor dem Spiel so betrinken, dass wir die 90 Minuten nicht mehr intensiv erleben werden. Dafür trinken wir nichts im Stadion. Ich habe keine Lust in der Pause mich anzustellen, sondern diskutiere lieber oder schaue mir die anderen Zwischenstände an. Was zu trinken gibt es dann erst wieder nach dem Spiel. Nur gestern nicht. Da bot sich die zweite Hälfte wunderbar fürs Getränkeholen an. Freigetränke wäre ein Argument gewesen, dass die Leute vielleicht länger geblieben wären. Trinke zum ersten Mal im Stadion Cola. Nüchtern verkrafte ich den Abend wohl besser.
14h50: Es funktioniert alles einwandfrei. Ticketkontrollen geht in fünf Minuten über die Bühne. Trotzdem kommt ein Security-Mitarbeiter zu den Ordnern und sagt: “Noch schneller kontrollieren. Macht mal die Methode ‘Gas’, meine Herren.” Ohne das Ergebnis dieser Methode zu kennen: Vielleicht könnte sich dieser Mitarbeiter auch mal häufiger an die Seitenlinie von 96 stellen. Scheint keine schlechte Methode zu sein.
15h06: Plätze sind eingenommen. Westtribüne, gute Sicht. Mache einen kurzen Eintrag auf meinem Facebook-Profil. Schreibe, dass es ein perfekter Nachmittag wäre, wenn 96, Werder und Arsenal gewinnen würden. Trotzdem haben plötzlich alle ein bisschen Angst und Nervenflattern vor dem Anpfiff. Und das spielt die Stimmung in Hannover dieser Tage ganz gut wieder. Man hatte den Eindruck, dass fast die gesamte Stadt hinter der Mannschaft steht, es kommen 43.000 ins Stadion. Wohl zum letzten Mal. Optimismus und Vorfreude, aber im Hinterkopf, im Unterbewusstsein ist es immer noch dieses Gefühl, diese Angst des Abstiegs, der Hannover sportlich wie finanziell erheblich zurückwerfen würde. Die Stadt und den Verein.
15h18: Ich stelle die diversen Live-Ticker auf dem iPhone ein. “Wieso gehst du eigentlich noch ins Stadion,wenn du ehe die Hälfte der Zeit an diesem Gerät hängst?” schallt es von links. Kann man doch parallel machen, sage ich. Und mache ich doch nur, wenn hier mal Pause ist oder das Spiel langweilig wird. Abends muss ich den Akku neu aufladen. 70 Minuten Dauerbetrieb. Man hatte ja nichts besseres zu tun, denke ich mir später.
15h24: Stimmung ist toll. Der Fanblock rollt ein großes Banner auf. Die Leute stehen und klatschen sich warm. Die Aufstellungen werden durchgegeben. Eggimann spielt für Durica, und natürlich Stajner. Vorfreude ist trotzdem riesengroß. 96-Alte Liebe ertönt durch die AWD-Arena.
15h30: Die Mannschaften kommen auf Spielfeld. Fantastischer Empfang, habe ich selten so erlebt in Hannover. Die Mannschaft läuft wie immer zum Fanblock und bedankt sich für die Unterstützung. Alles ist vorbereitet für einen spannenden Fußballnachmittag.
15h33: Anpfiff zur ersten Hälfte. Erstmal in Ruhe sitzen. Nach 30 Sekunden der erste Torruf, Werder mit der frühen Führung gegen Nürnberg. Das Stadion bebt. Ich schaue via Twitter nach dem Torschützen. Mertesacker – da hat wohl jemand noch seinen alten Verein im Hinterkopf.
15h35: Etwas mehr als zwei Minuten gespielt, Stajner mit den ersten beiden Fehlpässen. Nichts Neues eigentlich bei ihm. Deswegen frage ich mich ja auch, warum er spielt. Erste Unmutsbekundung von einem Fan drei Reihen vor uns.
15h42: Stajner hatte zwar eine gute Chance, fällt dann aber wieder durch fürchterliche Szenen auf. Dem Tschechen misslingen zwei Hackentricks. Es sind knapp 10 Minuten gespielt und Stajner will mit Hacke spitze 1,2,3 hier die Offensive beleben. Gnadenfrist, mehr nicht.
15h46: Köln geht 1:0 in Führung durch ein wunderschönes Tor von Tosic. 96 mit blödem Fehler im Spielaufbau und dann geschlossen zu weit weg vom Gegner. Mit so einer Einstellung wird es schwierig.
15h51: Das 2:0 für Werder flimmert über die Anzeigetafel. Es könnte ein Nachmittag für 96 werden. Torschütze wieder Mertesacker. Der gute Junge.
15h54: Köln macht das mehr als verdiente 2:0. Petit der Torschütze, nachdem Cherundolo auf der rechten Seite viel zu langsam ist. Und in der Innenverteidigung herrscht Sicherheitsabstand. Unfassbar. So kann man im Abstiegkampf nicht auftreten. Pfiffe für das Team nach über 20 Minuten.
16h01: Bei 96 geht gar nichts mehr zusammen. Spielrisch sowieso nicht heute, aber es wird nicht gekämpft, keine Laufbereitschaft, kein Einsatz, keine Leidenschaft. Man fügt sich in einem Endspiel um den Klassenerhalt nach 30 Minuten seinem Schicksal. Slomkas Aufstellung geht überhaupt nicht auf. Es fehlt das kreative im Mittelfeld. Bruggink fehlt. Stajner völlig von der Rolle, Ya Konan hängt in der Luft, Schlaudraff ist wenigstens bemüht und läuft ein wenig mehr als seine Gegner.
16h02: Es gibt einen Pfiff und Elfmeter für Köln. Für mich zunächst völlig unverständlich, weil Schiedsrichter Drees weiterspielen lässt. Aber der Linienrichter hatte sich gemeldet. Als ich im Ticker schaue und sehe, dass es ein klares und dummes Handspiel war, gebe ich mich zufrieden. Novakovic trifft im zweiten Versuch locker und lässig zum 3:0. Die ersten Fans gehen zu den Getränkeständen. Pfeifkonzert.
16h06: Slomka bringt Rausch für Pinto. Damit Christian Schulz ins Mittelfeld. Slomka wechselt Schadensbegrenzung sein, anstatt sich nochmal mit allen Kräften gegen die Niederlage zu stemmen.
16h16: Es geht gar nicht mehr. Hannover will und kann nicht. Riesengroße Enttäuschung. Da scheinen einige den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben. Nur die Kölner Fans feiern und statt ein Karnevalslied nach dem anderen.
16h18: Balitsch fliegt mit gelb-rot vom Platz. Von weiter oben schwer zu sehen, ob berechtigt. Aber wenn schon, dann aus Dummheit. Gelb vorbelastet in Höhe der Mittellinie auf der Außenbahn so in den Gegenspieler zu gehen, ist schlicht der pure Frust. Sprechchöre von Balitsch aus dem Fanblock. Dem ist mittlerweile auch alles egal.
16h20: Halbzeit. Irgendwas zwischen wütend, sprachlos, traurig und enttäucht. Aber wer in dieser Art und Weise ein Spiel angeht und so wenig Begeisterung zeigt, hat es auch nicht verdient.
16h30: In vier Stunden ist Earth Hour. Man hat das Gefühl, dass bei 96 heute schon alle Lichter ausgegangen sind. Noch ist gar nichts entschieden im Abstiegkampf, aber das Restprogramm und die Leistung der Manschaft machen wenig Hoffnung.
16h32: Das Team von Slomka, der in der Halbzeit nicht gewechselt hat, kommt drei Minuten von Anpfiff wieder aufs Spielfeld und wird wieder mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen.
16h55: Von 96 kommt nichts mehr. Kein Aufbäumen, gar nichts. Köln schaukelt diese Partie locker über die Zeit. Hin und wieder mal ein Blick auf den Live-Ticker. Die meisten besprechen, ab wann sie eher gehen sollen. Ansonsten ist das fast schon eine Geisteratmosphäre.
17h00: Köln mit dem 4:0. Wie im Trainingsspiel marschieren sie durch die desorientierte 96-Abwehr. Spätestens jetzt wird das Stadion leer. Pfiffe, und Stajner spielt immer noch. Kein Zeichen von Bruggink. Slmoka macht sich unbeliebt bei mir.
17h11: Hannover beginnt die Aufholjagd. Cherundolo mit einem schönen direkt verwandelten Freistoß. Ein Tor fürs persönliche Poesiealbum, für einen Rückblick auf bessere Zeiten.
17h16: Mittlerweile ist Berlin der Führung nahe und Nürnberg in Bremen dem Remis. Wenn 96 schon nicht für sich spielt, dann sollten wenigstens die anderen für Hannover spielen. Das klappt am Ende. Als 96-Fan muss man schon lange nach positiven Aspekten suchen.
17h20: Abpfiff. Das Stadion ist längst nicht mehr gut gefüllt. Die Fans gehen enttäuscht nach Hause. Ich kann Spiele verlieren, es kommt dann aber eher auf die Art und Weise an. Und die macht einen wütend und fassungslos. Es gibt da in Hannover eine Eishockeymannschaft, die bei weitem nicht zu den spielstärksten gehört, die nicht die guten Einzelspieler hat. Die aber als ein Team zusammensteht, die sich in jedem Spiel voll reinhängt. Deren Spieler vor der Saison auf einen Teil ihres Gehaltes verzichtet haben. Die im November abgeschlagen Tabellenletzter waren und die jetzt am Dienstag im Playoff-Viertelfinale spielen. Vielleicht sollte sich 96 mal ein Beispiel an den Scorpions nehmen. Denke ich mir so nebenbei.
17h35: Die Stimmung ist am völligen Abgrund. Enttäuschte Fans. Und die wenigsten haben noch die Hoffnung auf den Klassenerhalt. “Vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist”, sagt ein Fan, der auf der Bank am Maschsee sitzt. Recht hat er, nur muss eben auch was dafür tun, dass man überhaupt die Bereitschaft zeigen, dass es irgendwann nicht vorbei ist. 90 Minuten reichen um festzustellen, dass die Stadt scheinbar nicht mehr hinter der Mannschaft steht.
18h13: Wir sind wieder in der Ständigen Vertretung, die mittlerweile fast komplett in Kölner Hand ist. Viva Colonia wird gespielt, die Vereinshymne des FC erklingt. Köln war auswärts fast 300 Minuten ohne Auswärtstor. Für den emotionalen Kölner Fan, der seine Mannschaft durch die Republik begleitet, war dieser Samstag wie eine Befreiung. Hannover sperrt sich derweil selbst im Abstiegskampf ein.
18h24: Die Kommentare auf haz.de lassen zum Großteil jegliche Sachlichkeit vermissen. Es entleert sich der pure Frust und die Enttäuschung. Die HAZ fragt die User, wie es wäre, wenn Hannover 96 nicht mehr in der 1. Liga spielt. Da scheinen auch die Medien langsam die Hoffnung aufzugeben. Und es gibt ja auch kein Argument derzeit, das für Hanover spräche. Der optimistische Fan sucht derweil verzweifelt nach Durchhalteparolen. Rechnerisch ist noch alles möglich.
18h37: Mirko Slomka spricht von einer brutal schlechten Leistung. So erging es auch vielen der 43.000 Fans. Es wird aber keine Trainerdiskussion in Hannover geben. Bleiben ja ehe nur noch Hans Meyer und Peter Neururer als Feuerwehrmänner. “Das Handspiel war nicht meine Absicht. Wenn es absichtlich gewesen wäre, hätte ich den Ball gefangen, zur Seite abgeworfen und einen Konter eingeleitet”, meint Balitsch. Allein für so einen Spruch würde ich ihn für ein Spiel auf die Tribüne schicken. Nur wer soll dann spielen?
Alte Liebe rostet nicht. Nur muss man sie dann auch pflegen. Wir Fans haben das getan. Die Mannschaft nicht. Es fehlt scheinbar nicht mehr viel, bis diese Liebe endgültig zerfällt.
Thema: Fußball | Kommentare (0) | Autor: medispolis







