Wie geht es weiter mit Eishockey in Hannover? Wie sieht die Zukunft dieses großartigen Mannschaftssports in der niedersächsischen Landeshauptstadt aus? Eigentlich vergeht ja kein Sommer, wo nicht über Probleme und Perspektiven auf dem Eis gesprochen wird. 2010 wurden die Hannover Scorpions Meister, um dann im Sommer kurz vor der Insolvenz zu stehen, weil Besitzer Günter Papenburg keine Lust mehr hatte, den defizitären Klub mit der Tui-Arena zu finanzieren. Die Euphorie der Meisterschaft war sofort verschwunden. Vor einem Jahr überwarf sich die Mannschaft mit Trainer Toni Krinner, der bei Papenburg weiter ganz oben in der Beliebtheitsskala stand, es aber außerdem nicht mehr mit Geschäftsführer Marco Stichnoth aushielt. Ich hatte die Hannover Scorpions bereits zu Grabe getragen.
Frühjahr 2013: Die Hannover Scorpions verpassen ganz knapp die Qualifikation für die Playoffs, eine Mischung aus Pech und Unvermögen. Die Chance nach der letzten schlechten Saison wieder für positive Aufmerksamkeit zu sorgen, gelingt der sehr jungen Mannschaft nicht. Für die ganz negativen Schlagzeilen sorgt aber der Zweitligist vom Pferdeturm, die Hannover Indians. Immer im Schatten der Scorpions gewesen, aber mit sehr treuer Fanbasis, langer Tradition in der Stadt und durchaus guter Mannschaft für die zweite Liga mit Chancen auf die Playoffs, muss Ende Februar Insolvenz angemeldet werden. Der Verein ist pleite und stellt ein paar Wochen später den Spielbetrieb komplett ein. Die letzten Saisonspiele wurden noch absolviert. Für viele Fans kam diese Schock-Nachricht sicherlich überraschend, Gerüchte gingen aber schon eine Woche vorher durch die Presse in Hannover. Damals berichtete die Hannoversche Allgemeine, dass die Indians darüber nachdenken, eventuell zukünftig in der Tui-Arena bei den Skorpionen zu spielen. Ein Schritt, der immer wieder ausgeschlossen wurde. Mit der anderen Mannschaft aus der Stadt, die ja sowieso nur ein lästiges Importprodukt sei und nur mit den Geldscheinen von Papenburg überlebe, möchten die Fans der Indians nichts zu tun haben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die Alarmglocken geläutet. Dirk Wroblewsk, der Geschäftsführer der Indians, musste kleinlaut verkünden, dass rund 300.000 Euro in der Kasse fehlen würden. Nun hat der Pferdeturm in den letzten zehn Jahren schon einige Insolvenzen erlebt. Es ging immer weiter mit Profieishockey in der Nähe des Kantplatzes, direkt an der Eilenriede. Diesmal erteilten alle Beteiligten jeglichen Hoffnungen eine Absage. Es gebe nicht genug Sponsoren in der Stadt – Hannover 96 und teilweise auch die Scorpions sind starke Konkurrenz – und aufgrund des Pachtvertrags der Stadt mit der Stadionbetreiberin blieben den Indians zu wenig Einnahmen in der Kasse.
Dass dabei natürlich auch die fürchterlichen Strukturen im deutschen Eishockey mit dem fehlenden Aufstieg in die DEL eine kleine Rolle spielen, soll nicht verschwiegen werden. Aber das ist das kleinste Problem am Pferdeturm. Die Solidarität der Stadt mit dem Eishockey-Klub hält sich in Grenzen. Finanzielle Unterstützung der Politik wurde sofort ausgeschlossen. Die Fans der Indians machten durch Kundgebungen und Veranstaltungen in der Stadt auf die missliche Lage ihres Vereins aufmerksam. Aber so richtig interessiert das in Hannover die große Masse nicht. Da nützten auch die tausend Fans der Indians nicht. Die Fans der Scorpions haben das im Sommer 2010 auch einmal gemacht. Viel gebracht hat das nichts. Es war eine nette Aktion, welche die Probleme und Schwierigkeiten im hannoverschen Eishockey nicht lösen werden. Einzelgänge scheinen wenig zu bringen.
Wie geht es also weiter? Und diese Frage muss vor dem Hintergrund gestellt werden, dass vor allem die Fans der Hannover Indians einem Fan der Hannover Scorpions nicht bei Tageslicht begegnen würden. Die Fans der Indians wollen mit den Hannover Scorpions nichts zu tun haben. Teilweise in der Historie begründet: Der ECH, so hießen die Indians lange Zeit, spielten auch einmal Bundesliga. 1995/1996 zogen sie sich wegen Finanzierungsproblemen (sic!) aus der Bundesliga zurück. Den Platz nahm der Wedemarker ESC ein, allerdings völlig berechtigt durch den sportlichen Aufstieg, nicht weil der ECH gescheitert war. Der Stachel saß trotzem tief. Aus dem Wedemarker ESC wurden 1997 die Hannover Scorpions, 2001 ging es dann in die Tui-Arena.
Umgekehrt ist die Bereitschaft zu einer Kooperation ungleich größer, aber zumindest vorhanden. Das macht die Suche nach Lösungsvorschlägen nicht einfacher. Das Klima scheint vergiftet. Es sollte letztes Wochenende ein Solidaritätsspiel zwischen den Scorpions und den Indians in der Tui-Arena geben. Es sollte ein Tag des hannoverschen Eishockey werden, bei dem auf die schwierige Lage aufmerksam gemacht werden sollte. Zwei Tage vor dem Spiel sagten die Indians ab. Offizielle Begründung: Das Verletzungsrisiko sei zu hoch. Tage zuvor hatten die Fans der Indians in diversen Foren und im Eishockeyblog der HAZ zum Boykott des Spiels aufgerufen. Ob dieses Spiel finanziell irgendjemanden geholfen hätte, ist spekulativ. Es wäre aus meiner Sicht aber ein schönes Zeichen gewesen, wenn beide Teams gegeneinander gespielt hätten und damit für einen Tag Eishockey in Hannover prominent in Szene setzen. Es wäre ein wünschenswerter Startschuss gewesen. So ziehen alle Beteiligten weiter getrennt an der Rettungsleine. Wenn überhaupt. Wie es nun weitergeht? Ausgang offen. Eine Fusion wird es nicht geben. Das wollen die Indians nicht und Günter Papenburg will diesen Zusammenschluss nicht finanzieren.
Und so steht Eishockey weiter auf wackeligen Füßen. Dabei darf eben auch nicht vergessen werden, dass bei den Hannover Scorpions das jährliche Defizit von Papenburg ausgeglichen wird (was im deutschen Eishockey aber keine Seltenheit ist und in Berlin, Köln, Mannheim und Hamburg ebenso passiert). Gleichzeitig verstärken die Scorpions ihren Sparkurs jede Saison weiter. Mit Andy Reiss und Gerrit Fauser verlassen zwei Leistungsträger den Verein. Chris Herperger beendet seine Karriere und geht zurück nach Kanada. Außer mit Trainer Igor Pavlov ist noch kein Vertrag verlängert worden, Gespräche finden aber statt. Und es ist jeden Sommer dieselbe Frage: Wie lange macht das Papenburg noch?
Offensichtlich gehen zwei Profi-Eishockeyvereine (einmalig in Deutschland!) nicht zusammen, gerade nicht in Hannover. Es gibt naürlich viele Vorschläge beziehungsweise eher Schritte, die gemacht werden müssten: Es muss eine Kooperation zwischen beiden Klubs geben, eingerahmt von einem langfristigen Konzept. Wie das aussehen soll oder kann, hat noch keiner in Hannover beantwortet. Es müssten mehr Sponsoren für Eishockey in Hannover gewonnen werden. Wie das gelingen kann mit der Konkurrenz von Hannover 96 und den Handballern vom TSV Hannover-Burgdorf, ist mir völlig schleierhaft. Zumal Eishockey sich nicht wirklich den besten Ruf in den letzten Jahren erarbeitet hat.
Wobei wir wieder bei den Strukturen im deutschen Eishockey insgesamt wären. Vielleicht ist die Lage in Hannover ja nur ein Mikrokosmos der derzeitigen Situation deutschlandweit. Mit dem Schritt ins Free-TV scheint die DEL den richtigen Weg gegangen zu sein. Aber ob in Krefeld, Düsseldorf, Hannover, Iserlohn oder Wolfsburg. Viele Strukturen stehen auf wackeligen finanziellen Füßen. Und dafür ist die DEL und alle anderen Beteiligten im deutschen Eishockey verantwortlich. Auf- und Abstieg, Verkürzung der Hauptrunde. Das sind die Stichworte. Die Gelegenheitszuschauer werden durch die lange Saison und den fehlenden sportlichen Reiz nicht langfristig gewonnen. Es wäre jetzt müßig darüber zu diskutieren, ob eine Lösung der Situation in Hannover nur gelingen könne, wenn auch die Strukturen im deutschen Eishockey insgesamt verändert werden. Das lässt sich auch nicht seriös beantworten. Aber die Situation würde sicherlich erleichtert werden. Doch darauf können Indians und Scorpions eigentlich nicht warten.
Oder man hält es so wie 96-Präsident Martin Kind, der sagt: “Eishockey ist in Hannover nicht finanzierbar.” Man möchte Martin Kind fragen, wo Eishockey sich von alleine finanzieren lässt. Mit dem Satz wäre eigentlich alles gesagt und auf den Punkt gebracht. Aber nichts gelöst. To be continued.



