Mittwoch, 8. April 2009 18:26
Samstagvormittag, 04. April 2009, gegen 12:00 Uhr Ortszeit im Westen von London. Ich schlendere noch über den Portobello Market im wunderschönen Stadtteil Notting Hill. Die Sonne schaut gelegentlich mal durch die Wolken durch. Dann ist es aber endlich Zeit das Frauen-Vormittagsprogramm langsam zu beenden und die Reise in den Norden Londons zu beginnen, zum Emirates Stadium, der Spielstätte des FC Arsenal. Und dieses Vorhaben stellt auch schon die erste, aber letzlich auch einzige Herausforderung des Samstags dar. Von Notting Hill zum Emirates Stadium ist schon ein etwas längerer Weg durch London, zudem waren an diesem Wochenende mal wieder zahlreiche U-Bahn Linien gesperrt, unter anderem die komplette Circle Line, also konnte ich nicht den einfachen Weg durch die Stadtmitte nehmen, sondern musste einen kleinen Bogen fahren. Also mit dem Bus bis zur Underground Station Paddington, mit der Hammersmith&City Line bis zur völlig unübersichtlichen Station King’s Cross/St. Pancras, und von dort weiter mit der Piccadilly Line Richtung Norden bis zur Station Arsenal, einer von zwei Haltestellen, die nach einem Fußballverein benannt ist. Die andere ist West Ham. Die Bahn ist voll, wie immer leicht stickig, viele Arsenal-Fans sind schon zu sehen, ich bin bestens ausgerüstet mit Kamera, Arsenal-Schal und genug Geld für ein ordentliches Mittagessen vor dem Spiel.

Der Stadtteil Highbury
U-Bahn Station Arsenal, wieder eine kleine Ewigkeit mit der Rolltreppe fahren, bis man das Tageslicht erreicht hat. Die Sonne scheint jetzt vom nahezu wolkenlosen Himmel. Eine Stunde in der Unterwelt, und London strahlt wieder in der Sommerwärme. Angekommen im wunderschönen Stadtteil Highbury. Die Fans treffen sich an der U-Bahn Station und strömen von dort in kleinen Gruppen in die nahegelegenen Pubs, gehen zu einer der zahlreichen Imbissbuden am Straßenrand oder kaufen sich einfach nur ein Bier, genießen die Sonne und diskutieren über das heutige Spiel. Highbury ist ein kleiner, fast typisch englischer Stadtteil. Kleine Häuser mit beschaulichem Vorgarten säumen den Straßenrand, alles wirkt ruhig, herausgeputzt, weit entfernt vom hektischen Stress der Londoner Innenstadt. Ich habe noch Zeit und mache einen kleinen Rundgang durch das Viertel, gehe am ehemaligen Stadion des FC Arsenal, an Highbury, vorbei und treffe dann auf die offizielle Arsenal-Tarverne. Der Pub ist mit Arsenal-Fans überfüllt, die aber mit ihren Bieren fast alle draußen in der Sonne stehen. Drinnen ist noch ein wenig Platz. Ich bestelle mir ein Sandwich, Chips und ein großes Bier. Es ist eine sehr freundliche und nette Atmosphäre, jeder wünscht einem einen gutes Spiel und einen schönen Nachmittag beim Fußball. Im Pub laufen auf zwei Großbildleinwänden die ersten Minuten von Blackburn gegen Tottenham. Mein kleiner Rundgang führt mich dann wieder zur U-Bahn Station Arsenal. Es ist kurz vor 14:00 Uhr, Zeit also um noch ein paar Minuten weiter nach Süden aufzubrechen, zum Emirates Stadium. Auf den Weg dorthin überalle wieder kleine Imbissstände, Eisverkäufer und Süßigkeitenbuden.

Ein kleiner Fanshop des FC Arsenal
Ich gönne mir noch einen Crepes mit Schoko und Banane. Man wechselt den Stadtteil, von Highbury nach Holloway. Rein optisch erkennt man aber keinen Unterschied. Nach nur wenigen Minuten erreicht man das Emirates Stadium, was ich zumindest dachte. Man erreichte den Nordeingang. Da ich aber auf meiner Karte ausdrücklich den Hinweis vorfand, dass ich für meinen Block 32 im Unterrang den Südwest Eingang nehmen sollte, musste ich noch einmal fast 15 Minuten den Drayton Park und die Benwall Road entlang spazieren, bis ich am Südwesteingang ankam, zwischenzeitlich bin ich den Gästefans aus Manchester begegnet, die von der Polizei sehr gut bewacht wurden.

Osteingang des Emirates Stadium
Das Stadionareal ist eine unglaublich große Anlage, nahezu mitten in ein Wohngebiet gebaut, von daher auch entsprechend sehr umfassend gesichert mit Zäunen und Mauern, entsprechend ist der Zugang nicht ganz so einfach und man muss eine doch recht lange Wegstrecke zurücklegen um zu einem anderen Eingang zu kommen, eben weil man nicht direkt durch das Wohngebiet weitere Eingänge für die Fans bauen wollte. Von weitem sieht das Stadion in der Außenansicht schon sehr imposant aus.
Der Südwesteingang des Emirates Stadium ist erreicht. Die Fans strömen allmählich in das Stadionareal, wo es umfangreiche Sitzflächen und Möglichkeiten gibt sich aufzuhalten. Man selbst ist dann noch nicht im Stadion, hat aber zumindest das Wohngebiet verlassen. Das Emirates Stadium, von den Arsenal Fans übrigens auch Ashburton Grove genannt, sieht von außen schon beeindruckend aus. Eine Mischung aus schlichtem Beton und großen Glasfassaden wechseln sich ab, dazwischen die großen roten Schrifzüge des Stadionsponsers. Mehr als drei Jahre wurde am Emirates Stadium gebaut, fast 400 Millionen Pfund hat das Bauvorhaben gekostet, seit Juli 2006 trägt der FC Arsenal dort jetzt seine Heimspiele aus. Etwas mehr als 60.000 Besucher finden Platz im Stadion. Wer noch mehr Zahlen und Fakten haben möchte, kann dies auf der Internetseite des FC Arsenal nachlesen.

FC Arsenal vs Manchester City
Warum überhaupt der FC Arsenal, und warum überhaupt ein Premier League Spiel? Meine Begeisterung für englischen Fußball sollte ja bekannt sein, von daher war es immer schon mein Traum ein Premier League Spiel live zu sehen. Welches, war mir persönlich eigentlich egal. Da das erste April-Wochenende schon länger für de London-Trip feststand und an dem Samstag Arsenal spielte, passt das irgendwie zusammen. Zudem kenne ich über private Kontakte jemanden, der ein season Ticket des FC Arsenal besitzt und mir relativ einfach eine Karte besorgen konnte. Also für alle, die auch mal ein Spiel auf der Insel sehen wollen: Am besten ihr kennt jemand, der auf der Insel wohnt und euch Tickets besorgen kann. Das wird bei den meisten wohl nicht der Fall sein, dann bleibt einfach nur ein bisschen Glück und Hoffen. Es gibt zumindest bei den kleineren Vereinen, wie West Ham, Tottenham oder auch Fulham, die Möglichkeit Tickets über den Generale Sale zu bekommen. Das geht größtenteils auch über das Internet von Deutschland aus. Einfach mal auf den Websiten der Vereins nachschauen. Oder man sucht sich einen der zahlreichen Ticketshops im Internet, quasi eine Agentur für Tickets. Ich habe da keinerlei Erfahrung. Es ist aber eine Möglichkeit, wenn auch keine billige.

Das Emirates Stadium
Ich habe für mein Ticket am Samstag etwas mehr als 100 Euro bezahlt, hatte aber auch die höchste Preiskategorie, Tickets in den Oberrängen sind auch bei Arsenal etwas billiger, wenngleich immer noch sehr viel teurer als in der Bundesliga. 50 Euro muss man teilweise auch schon für die sehr schlechten Plätze bezahlen. Ich wollte dann am Samstag auch gleich direkt ins Stadion, nachdem ich das Stadionareal betreten habe. Das ging auch alles ganz problemlos. Ticket vorzeigen – und schon ist man drin. Personen, die Rucksäcke mitbringen, müssen diese öffnen, abgetastet wurde bei meinem Eingang keiner. Besitzer einer Saison-Dauerkarte können direkt die Kontrollen umgehen und per Chipkarte sich an einem Automaten einchecken lassen. Hat mir zumindest mein Sitznachbar genau erklärt und an jedem Eingang stehen auch Drehkreuze mit Automaten und Scanner. Das erspart natürlich enorm viel Zeit. Aber auch ich habe nur fünf Minuten für das ganze Prozedere gebraucht. Erinnert sei daran, dass englische Fußballfans sowieso immer erst sehr spät auf ihre Sitzplätze kommen.

The Official FC Arsenal Magazine
Ausgestattet mit dem Stadionheft für das heutige Spiel und dem offiziellen Arsenal-Magazin (beides zusammen für 5 Pfund zu erwerben) ging ich dann auf meinen Sitzplatz im Unterrang Block 32, direkt vor der Pressetribüne. Knapp eine Stunde vor Spielbeginn war das Stadion noch recht leer, die Radiokommentatoren übten für jeden hörbar ihre Einleitungstexte für die Spiele. Ich hatte also Gelegenheit in die beiden Hefte einmal reinzuschauen. Beide qualitativ jedem deutschen Stadionheft um Längen voraus, besonders die Story über Ashavin im offiziellen Arsenal-Magazin ist sehr lesenswert. Ebenso die Tagebucheinträge von Stürmer Niklas Bendtner. Das Stadionheft beginnt mit einem 2-seitigen Vorwort von Trainer Wenger, der über die aktuelle Situation seiner Mannschaft schreibt. Sein Text endet mit dem Satz: “As always, thanks for your continued support.” Zudem schreibt Cesc Fabregas auf zwei Seiten über seine Rückkehr in die Startelf. Viele weitere interessante Geschichten, auch zur Historie von Arsenal, folgen. Gegen 14:30 füllt sich dann langsam das Stadion, die Teams kommen zum Aufwärmen, das Stadionprogramm beginnt mit viel britischer Musik, einem längeren Interview mit Wenger sowie einem Rückblick auf die letzten Arsenal-Spiele. Alles fein gemacht und über die beiden großen Leinwände gut erkennbar.

Das ausverkaufte Emirates Stadium vor Spielbeginn
Um kurz vor 15:00 Uhr war das Stadion dann auch komplett voll, nach der Arsenal-Hymne, die von allen Fans so leidenschaftlich laut gesungen wurde, dass ich kaum was verstanden habe, kamen dann die Mannschaften aufs Feld. Mit vier Minuten Verspätung ging es los. Über das Spiel will ich gar nicht so viele Worte verlieren, Manchester City auswärts ist eine einzige Offenbarung, Arsenal reichte eine durchschnittliche Leistung um zu einem souveränen 2:0 zu kommen. Doppeltorschütze war Emmanuel Adebayor, von allen Fans liebevoll nur “Ade” genannt. Wie ist die Stimmung nun in einem englischen Stadion? Sagen wir es mal so: Sie ist anders und mir hat sie sehr gut gefallen. Es gibt immer mal wieder Phasen, wo es im Stadion auch mal fünf Minuten mal völlig ruhig ist und die Menschen interessiert dem Spiel folgen, aber das ist mehr die Ausnahme. Der wohl größte Unterschied auch im Vergleich zu Deutschland ist, dass es diese Fangesänge und Anfeuerungsrufe sehr viel weniger gibt, während des gesamten Spiels hat das Stadion nur ein paar Mal komplett “Arsenal, Arsenal” gerufen. Die Stimmung unter den Fans ist situationsabhängiger, aber dafür umso intensiver. Wenn Theo Walcott in der 17. Minute nach einem langen Sprint in der eigenen Hälfte sich den Ball zurückerobert, steht mit einmal das gesamte Stadion auf, klatscht laut in die Hände und ruft “Theeeoooo, Theeeeeoooo, Theeeoooo.”

Die Mannschaften vor Spielbeginn
Und spätestens dann hat man eine Gänsehaut. Oder bei der Auswechselung von Fabregas in der zweiten Hälfte stehen alle Fans auf und applaudieren mehrere Minuten lang. Aber nicht nur klatschen, es wird minutenlang sein Name gerufen. Und am meisten hat mich beeindruckt, als kurz vor Spielende Ashavin von der anderen Seite des Spielfeldes zur Ecke laufen musste und mit einmal wieder alle aufstehen und applaudieren und “Ashaaaaavin, Ashaaaaavin” rufen. Wie gesagt, die Stimmung ist anders, aber dafür intensiver und leidenschaftlicher. Immer wieder gibt es von einzelnen Fans Anfeuerungsrufe, und fast jeder gewonnene Zweikampf wird mit donnerndem Applaus bedacht, egal ob an der gegnerischen Eckfahne oder am Mittelkreis. Was mir noch aufgefallen ist: Sobald mal ein Fehler unterläuft, wird nicht gemotzt oder gemeckert, sondern aufgemuntert, quasi nach dem Motto: “Das kannst du bessern, zeig dein wahres Gesicht.” Entscheidungen des Schiedsrichters, mit denen die Arsenal-Fans nicht einverstanden sind, werden lautstark kommentiert, mit Worten, die ich hier nicht erwähnen möchte. Aber ich habe in 90 Minuten noch nie so viele verschiedene Schimpfwörter gehört. Und auch Mark Hughes, der Trainer von City, bekam regelmäßig sein Fett ab, weil er sich schon früh mit dem Schiedsrichter “solidarisieren” (O-Ton meines Sitznachbarn) wollte.
Nach dem Spiel verlassen die Fans relativ schnell das Stadion, aber nicht bevor alle noch einmal ihrer Mannschaft applaudiert haben. Ein Teil der Fans sucht dann die zahlreichen näher gelegenen Pubs auf um über das Spiel zu sprechen und weiter Fußball zu gucken, der Rest steuert die beiden U-Bahn Stationen an, wie gesagt Arsenal und die weiter nördlichere Station Finsbury Park. Ich bin auch zu letzterer gegangen, weil die weniger stark frequentiert sein sollte. Was letzlich zwar nicht ganz stimmte, aber so hatte ich noch einen schönen Spaziergang in der Frühlingssonne Londons. Vorbei ging es an den Pubs, die schon wieder zahlreich gefüllt war, mit den meisten Fans zur U-Bahn. Alles ist von Seiten der Polizei gut organisiert, es kommt immer nur eine bestimmte Menge von Fans in die U-Bahn Stationen, Straßen werden nicht gesperrt, aber der Verkehr wird immer für 10 Minuten aufgehalten, damit die Massen an Fans die Kreuzung überqueren können. Und so war ich eine Stunde nach Spielende wieder in der U-Bahn in Richtung Stadtmitte.
Rückblickend war es ein tolles Erlebnis, das ich nur jedem empfehlen kann. Englische Fußballfans sind verrückter als ich dachte, aber positiv verrückt, unglaublich nett und freundlich. Es ist eine große Arsenal-Familie, in der jeder scheinbar seinen Platz hat und sich um das Wohl aller kümmern möchte. Es war eine tolle Atmosphäre im Stadion und auf der Hin- und Rückfahrt. Und als auf der Rolltreppe im Finsbury Park auf einmal tausende Fans mit “Theeeoooo, Theeeeeoooo, Theeeoooo” – Rufen begonnen haben, wusste ich, dass es keinen schöneren Abschluss für diesen Nachmittag hätte geben können.
Noch mehr Fotos von meinem Besuch im Emirates Stadium habe ich bei flickr hochgeladen.