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Nachrichtensender ohne Nachrichten

Dienstag, 30. September 2008 16:19

Montagabend, 19h50. Erste Meldungen schwappen über den Atlantik, wonach das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der US-Regierung im Kongress wohl möglich keine Mehrheit bekommen wird. Noch ist aber unklar, ob die nötige Stimmenmehrheit erreicht werden kann. Zunächst sei nur von einer lebhaften Diskussion im Kongress gesprochen worden. Doch die Gerüchte reichten aus: Die ehe schon anfälligen Börsenkurse an der Wall Street brechen daraufhin völlig zusammen, erholen sich kurz. Als aber final bekannt wird, dass der Rettungsplan endgültig gescheitert ist, brechen alle Dämme beim Dow-Jones. Ein Verlust von über 700 Punkten.

Innerhalb von 20 Minuten erreicht die weltweite Finanzkrise eine neue Dimension. Als Newsjunkie gehen bei mir dann immer alle Sirenen los. Ich möchte dabei sein, möchte alles live verfolgen, erste Reaktionen verfolgen, Stimmungen, Eindrücke und Emotionen aufsaugen. Also wird BBC Five Live eingeschaltet und durch die Nachrichtensender gezappt. Und mal wieder muss ich sagen, dass ich von unseren beiden Nachrichtenkanälen n-tv und N24 sowas von maßlos enttäuscht bin. Als ich um 19h55 den TV einschalte, haben CNN, Sky News und BBC World ihr Programm schon unterbrochen und zeigen Live-Bilder aus dem Kongress. Überall laufen Breaking News-Laufbänder. Bei n-tv und N24 kommt Werbung. Der Kölner Sender berichtet dann in seiner 20Uhr-Nachrichtensendung, die gerade mal fünf Minuten geht, immerhin kurz darüber, N24 ignoriert alle Meldungen und geht nach drei Minuten Nachrichten vom Tage zur Doku “Angriff aus dem Hinterhalt” über. Da kann man sich eigentlich nur verarscht vorkommen.

Der kleine Sender “Eins Extra” übernimmt erste Meldungen aus den USA um kurz vor Acht ins Programm. Die Tagesschau berichtet in ihrer 20h00-Ausgabe als erste ausführlich über ein mögliches Scheitern, gegen 20h15 kommen bei tagesschau.de und Spiegel-Online die ersten Eilmeldungen an den Tag. Zu diesem Zeitpunkt haben Sky News und CNN bereits drei Schalten nach New York und Washington unternommen. Natürlich kann man von den Strukturen die Nachrichtensender nicht vollständig vergleichen, aber ist es von N24 und n-tv zu viel erwartet, alle Stunde 15 Minuten Nachrichten zu senden und bei solch dramatischen Ereignissen das laufende Programm zu unterbrechen? Gerade in solchen Momenten kann man seinen Sender, die Marke und sein Profil durch ausführliche Berichterstattung stärken. Aber das scheint echt zu viel verlangt. Die Tagesschau war mit ihrer Meldung das erste Nachrichtenmedium in Deutschland, das von dem (möglichen) Scheitern berichtet. Da kann man die ARD sicherlich für loben, vielmehr ist es aber ein Armutszeugnis für alle anderen Sender hier.

Welchen Stellenwert haben Nachrichten überhaupt noch bei manchen Sendern? Ist eine Doku wichtiger als eine weltweite Finanzkrise, die uns alle betrifft? Wo ist der Informationsauftrag, wo die Leistung, die zum Beispiel N24 oder n-tv erbringen? Ein Beispiel: Der Radiosender BBC Five Live unterbricht seine montägliche, sehr beliebte Sportsendung für mehrere Schalten nach Washington D.C. Der Moderator entschuldigt sich mehrfach bei den Sportfans, dass man nicht wie üblich sonst am Montag über die Fußballspiele vom Wochenende diskutieren kann, aber die Berichterstattung aus den USA genießt erstmal Vorrang. Das Wichtige vom Unwichtigen trennen, und die Zuschauer umfassend informieren. Das erwarte ich von Nachrichtenmedien. Ich glaube, dass das nicht zu viel verlangt ist. In Deutschland sind wir an dieser Stelle teilweise noch ein Entwicklungsland. Und die Proteste von RTL und ProSieben/Sat.1 gegen einen Nachrichtenkanal von ARD und ZDF sind in diesem Zusammenhang einfach nur dreist und frech.

22h30 am Montagabend. Ich schaue Sky News, die Abendnachrichten. Seit 10 Minuten gibt es Schalten an die Wall Street und zum Kapitol nach Washington. Plötzlich wird die Schalte unterbrochen, man schaltet sofort wieder nach London, wo der Vorsitzende der Konservativen, David Cameron, eine Stellungnahme zu den Ereignissen des Tages abgibt. Danach nimmt man dann die Schalte zu Wall Street wieder auf, unten rechts blendet man ein kleines Live-Bild ein. Henry Paulson, der US-Finanzminister, wird in Kürze ein Statement abgeben, Sky News ist natürlich schon vorher informiert und hält die Zuschauer auf dem Laufenden, wann damit zu rechnen ist.

Ich schalte nochmal zur Sicherheit zu N24. Es läuft wieder irgendeine Doku. Wieso habe ich eigentlich dorthin geschaltet? Die ARD hat gestern gezeigt, dass man auf Nachrichten auch kurzfristig reagieren kann. Ansonsten war es mal wieder ein Armutszeugnis. Eigentlich nichts Neues, aber ich wollte es trotzdem noch mal gesagt haben. Schöne Grüße an die Heuschrecken.

Thema: TV und Radio, Wirtschaft, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (2) | Autor: medispolis

Übermut tut selten gut: Deutschlands Premium – Nachrichtensender n-tv wird demnächst 15 Jahre alt

Mittwoch, 28. November 2007 11:22

Anlässlich des 15. Geburtstags von n-tv haben zwei Schwergewichte des Nachrichtensenders, Carola Ferstl und Manfred Bleskin, dem Berliner Tagesspiegel ein Interview gegeben, dessen Lektüre ich sehr empfehle. Ich habe es zwei Mal getan und zweifle immer noch an einigen Aussagen, in welchen man sich hochjubelt – wenn man sich natürlich auch mit N24 vergleicht. Einige kommentierte Aussagen des Interviews.

Tagesspiegel: Hat sich bei n-tv erfüllt, was Sie sich erträumt hatten?
Bleskin: n-tv hat ein Publikum für sich gewinnen können, das politisch und ökonomisch interessiert ist. Dieses Publikum schaltet n-tv und nur n-tv ein, wenn etwas in der Welt passiert [...] Nachrichten haben einen Stellenwert im deutschen Fernsehen bekommen. Das ist die Leistung von n-tv.

Es ist sicherlich richtig, dass n-tv einen gewissen Anteil daran hat, dass Nachrichten immer mehr ins Bewusstsein der Deutschen gelangen. Trotzdem würde ich gerne mal Fakten sehen, dass dies so ist. Gab es eine Untersuchung? Sind die Einschaltquoten wirklich so hoch? Ich habe niedrige einstellige Werte im Kopf. Und n-tv braucht gute Einschaltquoten, damit aus den roten schwarze Zahlen werden. Liegen Wunsch und Wirklichkeit nicht weiter auseinander?

Tagesspiegel: Womit kämpfen Sie derzeit am meisten?
Ferstl: Wir arbeiten daran, die Menschen zur Aktie zurückzuholen. Das ist leichter gesagt als getan. Das Thema „Aktie“ ist ein bisschen verbrannt.
Bleskin: Ich setze bei meiner Altersversorgung auch nicht auf Aktien.
Ferstl: Weil du dich zu wenig auskennst.

Ist das eine primäre Aufgabe von n-tv? Wie wäre es denn mal mit vernünfitgen Sportberichten, Specials nicht nur zu irgendwelchen Schneekatastrophen oder Waldbränden. Wo sind die Dokumentationen, die länger haften bleiben?

Tagesspiegel: Es gibt viele Informationskanäle im deutschen Fernsehen: n-tv, Phoenix, N 24, Euronews. All das wirkt mickrig im Vergleich zu internationalen Stationen wie CNN oder BBC. Ist Nachrichtenfernsehen made in Germany nicht klein-klein?
Ferstl: Warum sehen die Leute die „Tagesschau“? Weil sie ein deutsches Programm mit dem Schwerpunkt Deutschland wollen. Bitte übersehen Sie nicht: Die meisten deutschen Anleger haben vor allem deutsche Aktien.
Bleskin: Der Anspruch bei CNN, Euronews und BBC World ist ein anderer. Aber auch da gibt es Schwerpunkte für Afrika, Asien, Europa. Die Heimat von n-tv ist der deutschsprachige Raum.

Klar ist die Heimat von n-tv der deutschsprachige Raum, nur wie wäre es denn mal, wenn man auch mehr aus dem europäischen ausland berichten würde. So ist man auf einer Schiene mit N24. Wenn n-tv ein “besserer” Nachrichtensender sein will, dann muss man auch das nachrichteninteressierte Publikum ansprechen. Und das interessiert bei weitem nicht nur, was bei uns passiert. Wenn man sein Augenmerk mehr auf Europa und die Welt legen würde, könnte man meiner Meinung nach einiges an Profil gewinnen. Sonst schauen alle weiterhin die Tagesschau. Anknüpfend daran auch die letzten Ausführungen im Interivew, wo es zur Konkurrenz von N24 geht.

Tagesspiegel: Wer könnte n-tv in Bedrängnis bringen? EinsExtra, ZDF Info, das Internet?
Ferstl: Mit dem Internet sind wir in der richtigen Spur. [...] n-tv.de ist supererfolgreich. Was läuft online denn am besten? Was dem TV mit seinen Bewegtbildern am nächsten kommt. n-tv, das Fernsehen, ist das Eingangstor für n-tv.de, das Internet. [...]
Bleskin: Was uns in Bedrängnis bringen kann? Das Ende der Welt vielleicht. Aber da wären wir auf jeden Fall live dabei.
Tagesspielgel: Warum hat N 24, ihr jüngerer Konkurrent, n-tv in der Reichweite überholen können?
Bleskin: N 24 hat zu bestimmten Zeiten des Tages einen anderen Zuschnitt, und das ist nicht unbedingt die Information. Was da manchmal nach 22 Uhr läuft, das treibt einem schon manchmal die Schamröte ins Gesicht.
Tagesspiegel: Sie meinen „Die Sexualität des Menschen“? n–tv ist keusch, rein und seriös?
Bleskin: Ja. Selbst unsere Reportagen haben eine zeithistorische, politische, wirtschaftliche Anbindung.
Ferstl: Man kann n-tv und N 24 nicht vergleichen, will man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wir hätten höhere Quoten, wenn wir ein Mischprogramm machten wie N 24.

Also ich habe, wenn ich im Büro sitze, jedes Mal Probleme n-tv via Internet zu schauen, liebe Frau Ferstl. Und wenn ein Trainer beim Bundesligisten Hamburger SV seinen Abschied verkündet und Stunden danach auf n-tv.de diese Meldung irgendwo in den Kurzmeldungen steht und der Header im Sportbereich eine alte Konserve aus dem US-Sport ist, finde ich n-tv.de einfach nur deplatziert. Schade eigentlich, dass man sich mit N24 vergleichen muss. Denn der Sender ist gelinde gesagt noch furchtbarer. Da halte ich es n-tv sehr zu Gute, dass man auch am Wochenende es immerhin schafft, nachts 10 Minuten Nachrichten aus der Konserve zu senden – und nicht nur drei wie N24.

n-tv ist ganz einfacher weniger Mischprogramm als N24, daher auch weniger Einschaltquoten. Und was nützt es mir als interessierten Nachrichtenschauer, wenn an einem Samstagabend sich die Welt verändert und Sky oder die BBC sofort per Breaking News drauf sind, wenn sowohl bei N24 und n-tv die tausendste Wiederholung läuft von Kronzuckers Kosmos bzw. Hilters Machtergreifung.

Trotzdem Glückwunsch zum 15., n-tv. Auf dass das Programm endlich besser wird.

Felix

Thema: TV und Radio, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (0) | Autor: medispolis