Heute in genau vier Monaten, am 09. Mai 2010, wählt das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands, Nordrhein-Westfalen, einen neuen Landtag. 187 Abgeordnete sitzen derzeit im Landtag in Düsseldorf am Rhein und wollen dort auch gerne nach dem zweiten Sonntag im Mai noch sitzen. Da ich nach meinem Umzug meinen Erstwohnsitz nach Düsseldorf verlegt habe, bin ich auch wahlberechtigt und werde die nächsten Wochen bis zur Landtagswahl hier in einigen Beiträgen über die Entwicklungen bis zum Wahltag berichten.
Ich dachte mir, dass vier Monate vor der Landtagswahl der ideale Zeitpunkt sei um mal zu schauen, wie die Parteien bisher im Internet präsent sind, also Online-Auftritte, Blogs, Foren und die Präsenz in sozialen Netzwerken. Und bevor jetzt wieder alle rufen, dass das Thema Online-Wahlkampf völlig ausgelutscht sei, möchte ich darauf hinweisen, dass ich das ähnlich sehe. Es gab auch vor dem Hintergrund der Obama-Kampagne einen Hype um das Web 2.0 in Deutschland, der an Realitäten im politischen System der BRD ein wenig vorbeiging und auch viel zu hohe Erwartungen an die Resonanz der interessierten Nutzer stellte. Viele sind zwar bereit sich als Unterstützer für Merkel oder Steinmeier zu registrieren, aber von Haustür zu Haustür laufen eben nur die wenigsten und keine Massen wie bei Obama. Von daher wäre es passend, wenn wir bei zukünftiger Diskussion über Online-Aktivitäten der deutschen Parteien vielleicht zwei Stufen niedriger kochen. Aber da sollte meiner Meinung dann auch ein perfekter Auftritt zustande kommen. Online ist aus dem modernen Wahlkampf nicht mehr wegzudenken. Und ich bin ja mal gespannt, ob es endlich ein Kandidat oder eine Partei schafft ein lesbares und interessantes Wahlkampfblog zu starten, indem über Eindrücke aus dem Wahlkampf berichtet wird, Bilder und Videos hochgeladen werden und gleichzeitig auch noch auf interessante Artikel und Interviews hingewiesen werden kann. Ich lasse mich da mal überraschen. Man muss auch nicht alles machen. Qualität vor Quantität im Online-Wahlkampf. Lieber eine Wahlkampfplattform richtig gut, als viele nur halbherzig mit Inhalten bedienen.
Fürs erste heute erstmal keine umfassende Wertung über die derzeitigen Online-Aktivitäten, sondern eine Übersicht, wie CDU, SPD, FDP, Grüne und Linkspartei und ihre Spitzenkandidaten vier Monate vor der Wahl im Netz positioniert sind.
CDU
Die Internetseite des CDU Landesverbandes Nordrhein-Westfalen gehört schon mal zu den besseren Erscheinungen, übersichtlich, nicht zu überladen und die wichtigsten Punkte sind schnell zu finden. Es gibt Verweise auf die Präsenz in den sozialen Netzwerken auf CDU NRW TV – ein neues Format der politischen Kommunikation, so der Claim – das auf den ersten Blick so aussieht, als würde es komplett in den eigenen Internetauftritt integriert sein, beim Anklicken der Videos dann aber ersichtlich, dass es doch ein eigener Youtube-Channel ist. Zum Inhalt und Präsentation der Videos sage ich einfach mal nichts. Wer sich eine eigene Meinung bilden will, darf es sich aber gerne anschauen.
Die Seite des Ministerpräsidenten sieht ansprechend aus, vielleicht ein wenig zu hell mit den ganzen Elementen, aber inhaltlich finde ich das völlig okay und von den Terminen her auch stets aktuell. “Meine Seite ist ihre Seite” ist natürlich ein wenig übertrieben, denn außer eines Kontaktformulars findet wenig direkter Dialog mit dem Spitzenkandidaten statt. Von dem Web-Auftritt gibt es in der Headline direkt zu den Präsenzen von Rüttgers in den sozialen Netzwerken, zum Beispiel zu Facebook, wo er immerhin 2.541 Supporter auf sich verzeichnen kann. Fotos werden relativ zeitnah hochgeladen, aber der Einsatz von Videos ist noch ausbaubar. Und die Einträge auf den Pinnwänden lesen sich wie Ausschnitte aus Pressemitteilungen im Gegensatz zu einer persönlichen und direkten Ansprache an seine Unterstützer. Finde ich ausbaufähig. Ähnliches lässt sich auf der meinVZ-Präsenz feststellen, wo Rüttgers knapp 1700 Unterstützer hat. Die Nordrhein-Westfalen CDU hat auch ein eigenes Blog, das sogar relativ regelmäßig aktualisiert wurde, zumindest im alten Jahr. Blogroll so gut wie nicht exsistent, aber zumindest ein Fundament um auch per Weblog über den Wahlkampf zu berichten. Mal sehen, ob es genutzt wird.
SPD
Wenn man ein wenig mehr auf dunkle Farben setzt, stößt man auf die Seite der NRW SPD, die ich schwieriger zu lesen finde. Navigationsleisten an den Seiten wären sehr viel vorteilhafter, wenn man einen ersten Überblick über die Inhalte bekommen möchte, muss man wirklich ganz nach unten scrollen. Aber auch hier habe ich schon sehr viel schlechtere Web-Auftritte gesehen, es ist zumindest eine klare eigene Handschrift zu erkennen. Hinweise auf den Seiten in sozialen Netzwerken und auf die Konten bei twitter, flickr, facebook und youtube findet man ganz unten, irgendwo versteckt. Hat man Angst davor, dass das entdeckt wird? Immerhin sind sie vorhanden, auch wenn man vom einmaligen Lesen den Eindruck bekommt, dass sie eher selten genutzt werden und viel häufiger aktualisert werden könnten. Es gibt doch sicherlich auch nach dem 17. November visuelle Eindrücke aus der NRW SPD um nur ein Beispiel zu nennen. Aber sind Strukturen vorhanden, die für den Wahlkampf genutzt werden können.
Was gar nicht geht und bei mir fast Augenkrebs verursacht, ist die Seite der Spitzenkandidatin der SPD, Hannelore Kraft, die schlicht gar nicht geht. Optisch wie inhaltlich. Termine und Bilder seit August nicht mehr aktualisiert, der letzte Tätigkeitsbericht stammt aus 20007/2008. Ich denke mir da jetzt mal nichts Böses. Aber da muss aus meiner Sicht noch ganz viel aufgeholt werden. Die Seite und der gesamte Auftritt im Web – wo ist der Hinweis auf die sozialen Netzwerke? – wirkt blass. Und sowas kann dann auch ganz schnell auf die Spitzenkandidaten abfärben. Wirklich positiv hervorzuheben ist das NRW SPD Blog, das es jetzt schon über vier Jahre lang gibt und eine Nische nutzt um auf eigene politische Programme und Fehler des politischen Gegners aufmerksam zu machen. Nett gemeint ist auch radio.nrwspd.de als Videoplattform oder sogar Podcast, lässt aber eine Aktualisierung dringend erforderlich erscheinen.
FDP
Die Seite der NRW FDP gefällt mir, nicht unbedingt, weil es jetzt vom optischen Eindruck sensationell gut ist, sondern eher schlicht, aber gut, sondern weil man scheinbar ein wenig an den geneigten Besucher denkt und einige Instrumente anbietet, die das Recherchieren über Positionen der FDP leicht macht. Richtig gut finde ich die Tagcloud als eine Art Stichwortverzeichnis, ein funktionierender RSS-Feed (ja, das ist auf Parteiseiten immer noch die Ausnahme!), man kann Artikel bookmarken, und eine nach Postleitzahlen gegliederte Übersicht über Aktivitäten der FDP vor Ort findet man auch. So hilft man einem interessierten und vielleicht sogar noch unentschlossenen Wähler weiter. Man hat einen eigenen Twitter-Account, der aber leider nur als besserer RSS-Feed bedient wird und noch wenig zum Dialog mit den Wählern einlädt. Der Landesverband hat einen eigenen Youtube-Channel, der mal mehr, mal weniger bedient wird und auch hauptsächlich nur Parteitagsreden enthält. Ein wenig ausbaufähig. Es scheint auch zwei Podcastangebote zu geben, das eine ist nahezu deckungsgleich mit den Inhalten der Videos auf Youtube, das andere liberal.nrw ist seit September nicht mehr aktualisiert worden. Ein Weblog und Hinweise auf Aktivitäten in sozialen Netzwerken habe ich nicht gefunden.
Bündnis 90/Die Grünen
Schon wenn man das erste Mal auf die Homepage der NRW Grünen klickt, fallen einem die zahlreichen Angebote ins Auge. Die Seite ließ sich optisch sicherlich noch ein wenig auffrischen, ist aber ansonsten schön übersichtlich, alles wichtige ist schnell zu finden und vor allem gut erkennbar. Man muss nicht erst das Kleingedruckte wie bei der SPD lesen, um die Web 2.0 Aktivitäten aufzusuchen. Die stehen erstaunlich präsent auf der Seite. Auffällig der gut genutzte und gepflegte Twitter-Acount, der eben auch zum Dialog genutzt wird und nicht nur ein besserer RSS-Feed ist. Klasse finde ich das Presseblog, wo für jeden Wochentag die wichtigsten politischen Nachrichten für NRW, auch aus überregionalen Tageszeitungen, gesammelt werden. Dazu noch eine funktionierende Tagcloud – wunderbar. Dazu gibt es für längere und politischere Einschätzungen noch ein separates Grüne NRW Blog. Positiv zu erwähnen ist die Autorenvorstellung, ich weiß also, an wen ich mich direkt wenden kann für weitere Fragen. Und es gibt eine durchaus umfangreiche Linkiste mit weiteren Blog-Verweisen. Neben dem Youtube-Channel sind die NRW Grünen auch auf Facebook vertreten. Und auch wenn nur knapp 500 Unterstützer die Einträge regelmäßig verfolgen, herrscht doch schon so etwas wie eine kleine Dialogkultur. Auch alles noch ein wenig ausbaufähig, aber ansonsten setzten die NRW Grünen bei den Web 2.0 Aktivitäten auf Landesbene hier einen klaren Maßstab. Gefällt mir gut und so wie ich das von außen einschätzen kann, wird das während des Wahlkampfs auch intensiv genutzt.
DIE LINKE
Deutlich weniger umfangreich sind die Online-Aktivitäten der Linkspartei. Auch die Homepage der Linke finde ich zu textüberladen. Da wird innerhalb des Fließtextes noch unterschieden zwischen Landes- und Kommunalpolitik. Da würden sich zwei verschiedene Menüpunkte zur Aufteilung doch sehr viel besser anbieten. Immerhin wird nicht unübersehbar auf das Wahlprogramm 2010 in Kurz- und Langfassung hingewiesen. Es ist gut zu sehen, wie viele Infos die Linkspartei ins Netz stellen möchte, aber an der Aufteilung und einer klaren Gliederung/Strukturierung mangelt es noch. Ansonsten finde ich auf den ersten Blick und auch nach genauerem Hinschauen keine weiteren Online-Aktivitäten, die sich ausschließlich auf die Landespolitik und den NRW-Landesverband beziehen. Es gibt zwar Hinweise auf die Community linksaktiv.de und einen Youtube-Channel der Linkspartei. Beides sind aber Angebote, die klar der Bundesebene zugeordnet werden können.
Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass mit Ausnahme der Linkspartei alle Parteien in unterschiedlichem Umfang Angebote, Strukturen und Plattformen im Web installiert haben, die Voraussetzungen für umfangreiche und qualitativ gute Online-Aktivitäten im Wahlkampf sind also gegeben, wenn sie denn von den Parteien auch genutzt werden wollen. Nimmt man das komplette Angebot, fallen vor allem die Grünen in ihrer Breite positiv auf, auch weil das qualitativ wirklich mit viel Engagement und Einsatz gepflegt wird. Bei der FDP sind gute und sehr benutzerfreundliche Ansätze zu finden. CDU und SPD, also die beiden großen mitgliederstarken Parteien, haben vielversprechende Angebote, müssen aber noch regelmäßiger und intensiver diese nutzen und aktualisieren, bei der CDU zum Beispiel bei der Verlinkung des Blogs, die SPD bei der Aufmachung auf ihrer Website. Wenn die Web 2.0 Angebote auch genutzt werden wollen, müssen sie viel stärker in Szene gesetzt werden. Größte Baustelle für die Sozialdemokraten: Die Seite der Spitzenkandidatin Hannelore Kraft. Als interessierter Wähler würde ich da nicht länger als fünf Sekunden verbleiben wollen.