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Auftrag für uns alle nachzudenken und zu reflektieren

Sonntag, 15. November 2009 13:27

Heute Vormittag wurde in der AWD-Arena in Hannover in einer bewegenden Trauerfeier Robert Enke gedacht. Es war eine Zeremonie, die in ihren emotionalen Momenten, die in ihrer andächtigen Stille und ihren mahnenden Worte dem großartigen Sportler und fantastischen Menschen absolut gerecht wurde. Ich habe mich Donnerstag entschlossen, kurzfristig über das Wochenende nach Hannover zu fahren, um wenigstens ein bisschen an der Trauer und der Anteilnahme in Hannover teilzunehmen, habe eine Kerze für Enke vor dem Stadion angezündet und mich trotz langer Wartezeit in eines der Kondolenzbücher eingetragen. Ich habe selten ein so bedrückende Stimmung und Atmosphäre in Hannover mitbekommen. Als ich Freitagmittag am Hauptbahnhof angekommen war und mit der U-Bahn zum Aegidientorplatz gefahren bin, schossen viele Menschen Tränen in die Augen, als sie im Fahrgastfernsehen die Meldung über die bewegende Todesanzeige von Enkes Frau Teresa gelesen haben.

Die Ausmaße der Trauer, nicht nur in Hannover, sondern ja auch bundesweit und in der gesamten Fußballwelt, haben mich tief beeindruckt. Und natürlich war Hannover als Heimatstadt von Enke das Zentrum der Trauer und Anteilnahme. Als ich mit Komilitonen in Düsseldorf über den Tod von Enke gesprochen habe, konnten das viele gar nicht so richtig verstehen, warum es diese überwältigende Teilnahme am Trauermarsch, beim Gedenkgottesdienst in der Marktkirche oder eben heute bei der Trauerfeier im Stadion gegeben hat. Ohne es natürlich empirisch belegen zu können, ist Robert Enke den meisten Hannoveranern irgendwie schon einmal persönlich begegnet, sei es beim Fußballspiel im Stadion, in der Innenstadt, in der S-Bahn nach Hannover oder Neustadt, beim Training der Mannschaft oder auf einer der zahlreichen Veranstaltungen, die nur bedingt etwas mit Leistungssport zu tun hatten. Und jeder, der Enke schon einmal begegnet war – und dann vielleicht auch noch das Vergnügen hatte mit ihm ein paar Worte zu wechseln, erkannte sehr schnell, was für einem sympathischen Menschen man gegenüberstand. Das ist zumindest mein Eindruck.

Nicht nur auf den Fußball bezogen, war Hannover Enke für vieles dankbar und Enke gab diese Dankbarkeit mit tollen Leistungen auf dem Platz und im gesellschaftlichen Leben zurück. Enke hätte längst dank seiner tollen Leistungen Hannover verlassen können, aber nein, er blieb Hannover, seiner Heimat und seinen Fans immer treu. Überliefert sind viele Geschichten vom Menschen Robert Enke. Eine habe ich gestern Nachmittag beim NDR aufgeschnappt. Nach einem Training waren mal wieder mehrere Kinder nach Autogrammen von Enke hinterher. Dabei fiel ein Kind aus der Rolle, macht laut auf sich aufmerksam, dass es dringend und sofort ein Autogramm haben wollte. Enke ignorierte den Schreihals und gab zuerst den anderen Kids seine Unterschrift. Als dann zuletzt das unfreundliche Kind dran war und auch noch ein “Na endlich, das wurde aber auch Zeit” davorschickte, gab Enke natürlich bereitwillig das Autogramm, gleichzeitig aber darauf hinzuweisen: “Wenn du freundlich ‘Guten Tag Herr Enke, ich hätte gerne ein Autogramm’ gesagt hättest, wärest du der erste gewesen.”

Die Trauerfeier aus Hannover wurde heute von etlichen TV-Sendern übertragen, unter anderem die ARD, der NDR und unsere Nachrichtensender n-v und N24. Über Twitter kamen dann die ersten Hinweise, ob das nicht alles zu viel sei. Zum Beispiel das Internetportal der WAZ-Gruppe, der Westen, ließ darüber diskutieren. Komischerweise waren das genau die, welche am Dienstagabend ihre Online-Berichterstattung mit langen Klickstrecken ergänzten und aufbereiteten. Darauf hätte ich gerne verzichten können, aber dass man Menschen, die aus bestimmten Gründen nicht ins Stadion gehen konnten, die Möglichkeit gibt, eine große Trauerfeier trotzdem live  verfolgen zu können, fand ich absolut angemessen. Und dass dann neben den öffentlich-rechtlichen Sendern auch die privaten TV-Stationen übertragen, ist schlicht auch ein wenig unserem Rundfunksystem geschuldet. Wenn sich n-tv und N24 von ihrer Übertragung vielleicht eine höhere Quote versprechen und deswegen auf Live-Bilder setzen, dann ist das zwar bedauerlich, aber für mich irgendwie auch nachvollziehbar. Viel mehr müssen sich n-tv und N24 fragen, wieso sie jetzt noch so einen Hype um den Tod von Robert Enke machen und es die Tage davor nur selten geschafft haben, sachlich angemessen und vor allem aktuell zu berichten. Dass jetzt die Trauerfeier im Fernsehen gezeigt wird, ist absolut richtig, vielmehr sollten sich die Medien hinterfragen, ob es notwendig ist, mit Kränen in der hannoverschen Innenstadt vor der Markthalle zu stehen, um den Trauermarsch zu filmen, ob man in den Online-Medien Klickstrecken en Masse anbieten musste und ob es sinnvoll ist, immer weiter zu senden, obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu senden gibt. Dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn Leute wie Peter Neururer oder Christoph Daum ihren Senf dazugeben. Und das finde ich eigentlich das Bedauerliche.

Dass umfassend und ausführlich auf vielen Kanälen über den Freitod von Robert Enke berichtet wurde, ist doch selbstverständlich. Und Medienkritik mag zwar immer ganz passend und anspruchsvoll klingen, aber zu einer Berichterstattung der Medien gehören immer zwei Seiten. Die Medien und wie als Rezipienten. Wir wollten doch auch alle mit neuen Informationen, Gründen und Hintergründen überschüttet werden. Wer hat denn nicht seit Mittwoch jeden Morgen auf die Titel-Schlagzeile der BILD geschaut, wer hat sich nicht die Pressekonferenz von Teresa Enke bei Youtube oder in irgendeiner Mediathek noch einmal angeschaut, wer hat sich nicht im Internet auch die Klickstrecken angeschaut, obwohl fast alle gegen die Art und Weise der Aufbereitung protestiert haben, und wer wird sich morgen ausnahmsweise mal den SPIEGEL holen, weil Robert Enke auf dem Titelbild ist? Das werden schon viele Menschen sein. Man kann den Medien in diesem Land vieles vorwerfen – und ich mache das ja auch manchmal gerne – aber die Medien haben im Fall des Freitodes von Robert Enke doch hauptsächlich nur auf unseren Informationsdurst reagiert. Über die Art und Weise, wie einige Medien berichtet haben, lässt sich immer aufregen. Das sollte aber unabhängig vom Todesfall Enke die Regel sein. Es gibt auch positive Beispiele. Zum Beispiel hat mich die sehr sachliche, emotionale und informative Berichterstattung der HAZ beeindruckt. Vielleicht sollten sich viele Zeitungen daran mal ein Beispiel nehmen.

Der Tod von Robert Enke macht mich auch heute noch unendlich traurig. Er hat eben auch gezeigt, wie Menschen, Medien und Gesellschaft in einer solchen Extremsituation reagieren. Das war nicht immer vorbildhaft, keine Frage. Und vielleicht denken einige Medien im Speziellen vielleich auch einmal darüber nach, genauso wie wir Konsumenten, ob es nämich sinnvoll ist, stets immer der Sensation, dem Extrem, dem Besonderen und Reißerischen den Vorzug vor einer etwas seriöseren Berichterstattung zu geben.

Eigentlich verbietet es sich, erinnernde Worte an Robert Enke mit einer leichten Kritik an den Medien und unserem Verhalten als Rezipienten der medialen Berichterstattung zu vereinen. Ich habe das aber ganz bewusst gemacht, eben, weil ein Großteil der Bevölkerung und der Medien es in diesen Tagen nicht geschafft haben oder schaffen wollten. Durch den Tod von Robert Enke wird sich im Leistungssport und Profifußball hoffentlich einiges verändern. Die Worte vom DFB-Präsidenten Zwanziger machen mehr als nur Mut und Zuversicht. Aber gleichzeitig sollten wir Medienkonsumenten und die Medien vielleicht auch einmal ihr Verhalten und ihre Berichterstattung der letzten Tage positiv wie negativ reflektieren.

Dass wir aus bestimmten Medien keine anderen Medien machen können, steht außer Frage. Aber wir als Konsumenten haben die Entscheidung, welcher Art und Weise von Berichterstattung wir besser finden. Nämlich durch unseren Kauf der Zeitungen oder dem Einschalten eines bestimmten Fernsehsenders.

Zurückhaltend, sachlich, wohl überlegt, nie im Mittelpunkt stehen zu wollen – das waren einige der großen Charaktereigenschaften von Robert Enke. Es wäre schön, wenn wir als Gesellschaft, Medien und Öffentlichkeit diese Werte und Verhaltensweisen ein bisschen mehr in unsere Köpfe und unser Handeln einbringen könnten. Theo Zwanziger hat mit seiner beeindruckenden Rede die richtigen Worte heute gefunden. Es wäre schön, wenn alle Medien morgen in ihrer Zeitung, auf ihren Internetseiten oder im TV-Programm diese Worte einfach mal eins zu eins abdrucken, veröffentlichen oder senden. Ohne Klickstrecke.

Thema: Fußball, TV und Radio, Zeitungen/Zeitschriften | Kommentare (2) | Autor: medispolis

Wir werden dich nie vergessen

Mittwoch, 11. November 2009 7:53

Es ist so unendlich traurig, dass uns dieser großartige Mensch schon so früh  verlassen hat. Ich wünsche seiner Frau, seiner Familie, den Angehörigen und Freunden alle Kraft in dieser schweren Zeit.

Quelle: Screenshot der 96-Website

Thema: Fußball | Kommentare (1) | Autor: medispolis