Satzbausteine als Wiedervorlage in Wahlprogrammen…. wäre der sachliche Titel für diesen Blogeintrag
Die SPD hat heute in Berlin ihr Wahlprogramm für die Bundestagswahl im September vorgestellt, oh vielmals Verzeihung, Regierungsprogramm wird das genannt. Als ich heute Abend beim Dinner die Nachrichten im Deutschlandfunk gehört habe, blieb bei mir ein Satz hängen: “Die SPD will mit dem Thema soziale Gerechtigkeit punkten.” Toll, dachte ich, das ist ja mal etwas ganz Neues. Denn gefühlt ist dieser Themenkomplex bei jeder Wahl der letzten 20 Jahre immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Nun gibt es anno 2013 gute Gründe, das Thema noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Die Schere zwischen Arm und Reich mag zwar nicht unbedingt größer werden, aber die Menschen haben zumindest das Gefühl, dass es ungerechter in der Gesellschaft zugeht. Mal davon abgesehen, dass Wahlprogramme sowieso nur noch wenige lesen – was nicht heißt, dass die Parteien mit einer Programmatik in den Wahlkampf ziehen sollen – frage ich mich, was bei der SPD jetzt der große Wurf an den neuen Überlegungen im Wahlprogramm ist. Und lassen sich damit mehr Stimmen gewinnen und ein Regierungswechsel einleiten?
Ich habe mir mal bei einigen zentralen inhaltlichen Forderungen des Programms zur BT-Wahl 2013 die Ausführungen in den letzten Wahlprogrammen angeschaut. Die SPD hat ihre Kernforderungen für 2013 dankenswerterweise kompakt auf der SPD-Website formuliert. Das war ganz lustig und hat ziemlich viel Spaß gemacht. Ein paar Beispiele.
A1: Die SPD will den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent anheben, für Einkommen ab 100.000 Euro, bei Ehepaaren 200.000 Euro. Mit den Mehreinnahmen sollen die Investitionen in Bildung und Forschung erhöht werden.
2009 hieß das noch:
Anhebung des Spitzensteuersatzes als „Bildungssoli“. Dabei wird der Spitzensteuersatz auf 47 Prozent ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 125.000 Euro (Verheiratete 250.000 Euro) angehoben.
Und 2005:
Wir wollen, dass hohe Individualeinkommen – ab einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro (Ledige) bzw. 500.000 Euro (Verheiratete) – stärker zur Finanzierung von notwendigen staatlichen Aufgaben – vor allem für Bildung und Forschung – herangezogen werden.
Immerhin ein paar Zahlen aktualisiert. Bildungssoli scheint out zu sein. Solidaritätszuschlag ist gerade in Westdeutschland auch ein eher unangenehmes Thema. Fragen Sie mal in Gelsenkirchen, Oberhausen oder Duisburg nach.
A2: Die SPD will einen gesetzlichen, flächendeckenden Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einführen.
Klingt erstmal gut. Was hat denn die SPD 2009 dazu gemeint?
Unser Ziel ist ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn, der eine Grenze markiert, unter die Löhne nicht fallen dürfen [...] Wir gehen davon aus, dass ein Mindestlohn von 7,50 Euro zurzeit eine sinnvolle Orientierungsmarke ist.
War natürlich auch 2005 schon ein Dauerbrenner:
Die Tarifvertragsparteien sind aufgefordert, bundeseinheitliche tarifliche Mindestlöhne in allen Branchen zu vereinbaren. Soweit dies nicht erfolgt oder nicht erfolgen kann,werden wir Maßnahmen für einen gesetzlichen Mindestlohn ergreifen.
Wenn man jetzt fies ist, würde man behaupten, dass die SPD im Laufe der Zeit nur ein paar Zahlen im Regierungsprogramm ändert, die Programmatik seit Jahren aber exakt dieselbe ist. Aber das wäre wirklich fies. Aber sowas als große, neue Innovation, als mobilisierende Programmatik für den Wahlkampf verkaufen?
A3: Die SPD fordert eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte. Über eine Steuer sollen die Finanzmärkte an den Krisenkosten beteiligt werden.
Klingt das bei Ihnen auch irgendwie wie ein bekannter Satz? 2009 formulierte die SPD:
Die Finanzmärkte brauchen neue Regeln. Die Gier muss gestoppt werden [...] Gleichzeitig setzen wir uns dafür ein, dass eine solche Steuer europaweit eingeführt und auf weitere Finanztransaktionen erhoben wird [...] Wir brauchen einen solidarischen Lastenausgleich, der die für die Krise Verantwortlichen und die Vermögenden an der finanziellen Bewältigung der Lasten beteiligt (Seite 8)
Zum Glück für die SPD war 2005 die Finanzmarktkrise noch nicht ausgebrochen. Man könnte jetzt ganz einfach behaupten, dass es ja eigentlich sowieso egal ist, was in diesen Wahlprogrammen steht. Aber es fällt doch auf, dass die SPD in ganz wesentlichen Punkten seit Jahren mit der identischen Programmatik durch das Land zieht. Blöderweise sind damit die letzten zwei Bundestagwahlen nicht gewonnen worden. Gibt es also sowas wie eine innovative Komponente, etwas wirklich Neues in Sachen SPD-Programm. Schauen wir doch mal auf ein Thema, das seit Wochen heiß diskutiert wird: die steuerliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben.
A4: Die SPD setzt sich dafür ein, dass gleichgeschlechtliche Paare nicht länger benachteiligt werden bei der Ehe, beim Steuer- und beim Adoptionsrecht.
Sie denken schon, was jetzt wieder kommt, oder? Im Regierungsprogramm 2009 ist zu lesen (S.62):
Eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften werden wir mit der Ehe gleichstellen und bestehende Benachteiligungen abschaffen.
Und 2005 hat sich die SPD auch schon ganz weit aus dem Fenster gelehnt, also weitgehend zumindest, siehe S.13 im Wahlmanifest:
Nichteheliche Kinder und gleichgeschlechtliche Partnerschaften haben heute weitgehend gleiche Rechte und Pflichten wie eheliche Kinder bzw. Ehepaare.
Das ist ja langweilig. Da steht ja im Prinzip seit 2005 zu dem Thema stets dasselbe, nur durch ein paar Wörter und mit neuer Satzordnung versehen. Vermögenssteuer 2013 war übrigens Reichensteuer 2009. Aber das wäre ja jetzt auch zu einfach, immer nur die zentralen Themen zu vergleichen. Nehmen wir mal beispielhaft Deutschlands Rolle in Europa und der Europäischen Union.
A5: 2013 formuliert die SPD: “Denn nur in einem starken, einigen Europa können wir Wohlstand und Frieden sichern. Darum will die SPD die Europäische Union demokratisch weiterentwickeln: weg vom Europa der Märkte hin zu einem Europa der Bürgerinnen und Bürger und zu einer starken Sozialunion, die Lohndumping verhindert.”
2009:
Als die Europapartei Deutschlands sind wir die treibende politische Kraft für ein handlungsfähiges und demokratisches Europa der Bürgerinnen und Bürger [...] dass in allen EU-Mitgliedstaaten Mindestlohnregelungen gelten. Das ist ein wichtiger Schritt, um Lohndumping europaweit zu unterbinden [...] Die europäische Wirtschafts- und Währungsunion muss durch eine europäische Sozialunion ergänzt werden.”
Gut, ich könnte das jetzt beliebig lange fortsetzen. Es geht im Prinzip bei fast jeden Thema, das schon etwas länger auf der politischen Agenda steht. Na gut, ein Beispiel noch zum Abschluss.
A6: Die betriebliche Altersversorgung wird gestärkt und bis 2020 ein einheitliches Rentensystem für Ost und West eingeführt.
2020 also. Das ist immerhin eine konkrete Angabe. Schauen wir doch mal ins Programm von 2009. Finden wir da was? Auf Seite 51 wird der aufmerksame Leser fündig:
Einheitliches Rentensystem in Ost und West. Wir werden in der kommenden Legislaturperiode ein einheitliches Rentensystem in Ost und West durchsetzen.
Das kommt dann also doch mit ein bisschen Verspätung. 2013 wird das Regierungsprogramm mit den Begriffen besser und gerecht überschrieben. 2009 war es sozial und demokratisch.
Da werden die Unterschiede schwierig zu finden sein. Im Prinzip ist die Programmatik 2013 eine Wiederauflage von 2009, sprachlich angepasst. Immerhin. War 2009 jetzt so gut programmatisch, dass 2013 nichts zu ändern war außer ein paar Zahlen? Hoffen wir es mal. Soll ja innovativ sein. Alter Wein in neuen Schläuchen, wie Sie wollen. Einige nennen es vielleicht auch “Plagiat”. Wie auch immer.
Im Prinzip unterstützt es meinen Eindruck: Seit Jahren wird in Deutschland stets über dieselben Themen diskutiert, vielleicht hin und wieder mit anderer Deutung und neuen Zahlen. Mehr aber auch nicht.
2005 hieß das übrigens noch Wahlmanifest bei der SPD. Früher war einiges besser.
Wer selbt ein wenig suchen und vergleichen will:
Kernforderungen der SPD für die BT-Wahl 2013
Regierungsprogramm 2009
Wahlmanifest 2005
