Samstagabend, DVDs schauen auf dem Sofa. Via Twitter erfahre ich um viertel vor neun von dem tragischen Unfall des Kandidaten bei wetten, dass…?. Das muss für alle Zuschauer, insbesondere für die Gäste und alle Beteiligten vor Ort, ein richtiger Schock gewesen sein. Und leider scheint es, beruft man sich auf die Aussagen der Ärzte, gesundheitlich nicht gut um Samuel Koch stehen. Ich habe Twitter danach sofort wieder abgeschaltet. Denn wenn ich etwas nach vielen Jahren Twitter-Aktivität gelernt habe, dann ist es, dass man bei solchen Ereignissen, seien es Unglücke, Todesfälle oder Amokläufe, Twitter am besten meidet. Zu viele Retweets, dass man schon nach Minuten den Überblick verliert. Und dann gibt es eben eine Reihe von Usern, die in solchen Momenten am besten lieber ruhig wären. Und dank der vielen Retweets und der Aufforderung die Leute sofort zu blocken, kommt man dann als Unbeteiligter ganz schnell in Kontakt mit den geistigen Ergüssen, bei denen man manchmal nur den Kopf schütteln kann.
Am nächsten Morgen dann versucht mit etwas Abstand den Abend Revue passieren zu lassen. Und dann las ich wieder etwas, das mich immer ein wenig fraglos zurücklässt. Medien-Schelte hier und dort, Bilder vom Unglück und dem Unfall, Nachfragen bei den Eltern, riesige Schlagzeilen, Klickstrecken und was sonst noch die Palette hergibt. Und dann kommen aus allen Ecken und Enden die Menschen mit erhobenem Zeigefinger und beschweren sich wieder über die journalistische Berichterstattung, die jegliche Bezüge zu Moral und Ethik verloren hat. Und es ist ein Jubelkasten, der immer wieder bei solchen Gelegenheiten angeschaltet wird. Ich kritisiere die Medien auch gerne, weil mir einiges vor allem an der politischen Berichterstattung und dem Sportjournalismus missfällt, aber bei Ereignissen wie diesen finde ich Medienkritik unangebracht. Schon mal gefragt, warum die Medien den Verunglücktem am Boden liegend zeigen? Es gibt eigentlich nur eine Antwort auf diese Frage: Weil wir, die Medienrezipienten, es lesen, sehen und anschauen wollen. Wenn das Video des Unfalls sofort bei YouTube hochgeladen wird, mag man das als pervers bezeichnen. Nur klicken wir doch alle auf die Videoplattform und schauen, ob es schon hochgeladen wurde. Und da spielt die Tatsache, dass es wir uns dann vernünftigerweise gar nicht anschauen, gar keine Rolle. Das gleiche Prinzip gilt für das Jammern über die Berichterstattung von BILD und SPIEGEL online, die sehr ausführlich – auch mit Bildern – den Unfallhergang dokumentierten. Einerseits regen sich wieder alle über die visuelle Darstellung auf, aber auf Bild.de wird dann trotzdem geklickt um zu schauen, was der Axel-Springer-Verlag (ASV) mit dem Thema anfängt. Das menschliche Bedürfnis nach Information versus den Hang vieler Menschen nicht davor zurückzuschrecken auch solche leidvollen Bilder anzuschauen. Und da viele es anklicken, bieten die Medien diesen Service an. Und je mehr und öfter durch alle Social Media-Kanäle gebrüllt wird, wie schlimm doch wieder die BILD oder der SPIEGEL das Thema journalistisch aufbereiten, freuen sich die Portale über weitere Klicks. Denn einmal gelesen, wird dann natürlich zur Prüfung und Kontrolle gleich persönlich nachgeschaut. Es ist ja auch völlig okay zu beobachten, wie die Medien das Thema aufbereiten. Und jeder sollte selbst entscheiden, ob er sich Klickstrecken mit dem Unfallhergang anschaut. Nennt man Medienkompetenz. Doch Medienschelte ist hier völlig unangebracht. Denn die Zeitungen und Magazine orientieren sich doch nur an den Gewohnheiten und Bedürfnissen der Leser.
Als ich am Sonntagmittag mit dem ICE von Hannover nach Düsseldorf fuhr, war in den Buchhandlungen auf dem hannoverschen Hauptbahnhof die BILD am Sonntag schon fast ausverkauft, während daneben noch riesengroße Stapel von WELT am Sonntag und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lagen. Im ICE lasen alleine in Wagen 22, wo ich saß, acht Leute die BILD am Sonntag. Das Blatt vom ASV hatte es als einzige Sonntagszeitung noch geschafft den Unfalls als großen Aufmacher auf die Titelseite zu setzen und auch sonst ausführlich über den Unfall bei der ZDF-Show zu berichten. WELT am Sonntag und FAS hatten keinerlei nennenswerte Meldung im Blatt. Und dann wundert sich noch jemand, warum die Medien solche Zwischenfälle in all ihren Facetten darstellen und ausschlachten? Egal, ob nun online, auf Papier oder dem Handy. Ist völlig nebensächlich. Denn überall findet sich eine riesige Anzahl von Rezipienten, die es liest, schaut und anhört. Es ist ein ganz schmaler Grad zwischen dem eigenem Informationsbedürfnis und der nicht zu befürwortenden Sensationsgier, Leid, Drama und Action so gut es geht mitzubekommen. Vielleicht kennen Sie ja die “Gaffer” bei den Autobahnunfällen.
Kritik an den Medien mag populär an dieser Stelle sein, nur bringen normative Forderungen gar nichts. Denn es hat sich bezüglich der medialen Darstellung von solchen Unglücken in den letzten Jahren nichts verändert. Es klingt beeindruckend, wenn man immer an Ethik und Moral appelliert, auf Verantwortung und Pflichtbewusstsein der Journalisten hinweist, nur sind wir als Rezipienten und Konsumenten diejenigen, die solchen Journalismus unterstützen, indem wir drüber reden, darauf hinweisen und darauf klicken. Und solange eine Mehrzahl das weiter tut, werden sich die Medien – ganz dem ökonomischen Gedanken fokussierend – nicht bewegen und ihre Berichterstattung nicht verändern. Und bis dahin müssen wir als Rezipienten den richtigen Weg finden zum Stillen unseres Informationsbedürfnisses finden. Und das geht auch ohne Klickstrecken, Videos und Bilderserien. Wenn wir nicht anders können, werden die Medien in ihrer Berichterstattung nicht anders werden.
